Kreuzberger Chronik
Mai 2012 - Ausgabe 137

Reportagen, Gespräche, Interviews

nomen est omen


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von Michael Unfried

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Einst hieß es Leistenhaus Schlumm oder Büroservice Müller. Heute heißt es Yoli oder BoboQ. Über den Wandel der Kreuzberger Geschäfte.

In den Schaufenstern von Kreuzberg gab es einmal echte Sehenswürdigkeiten: Bei einem Optiker am Mehringdamm stand ein lebensgroßer Elefant im Schaufenster, in einem Waschsalon posierte eine lebendige Frau in Strapsen, und vor dem Brunnenatelier von Thomas Schön stand ein Boot, aus dem Bäume und Gräser wuchsen. Die Auslagen der Geschäfte, die in jüngster Zeit eröffnen, sind weniger aufregend. Reihenweise Hemden, Schuhe, Souvenirs, die Kreuzberger Fenster ähneln allmählich denen von Köln und Düsseldorf.

Auch die Namen der neuen Geschäfte sind nicht besonders einfallsreich. Zwar haben die Besitzer oder deren Berater eine Vorliebe für Rätselhaftes, doch des Rätsels Lösung bleiben sie gern schuldig. Die mysteriösen Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen ergeben oft keinen Sinn und nur noch selten Aufschluss darüber, was hinter der Schwelle zu erwarten ist. Denn bei der Suche nach einem geeigneten Geschäftsnamen geht es nur noch um Design und Klang. Im multikulturellen Kreuzberg muss es natürlich international klingen. So wie die Namen der Werbeagenturen, die sich »Go4you-internet consulting & more« oder »wepublic« nennen.

Diese Agenturen haben vor allem die wachsende Zahl von Touristen im Visier, die durchs Szeneviertel schlendern. Also heißen die neuen Läden Yoli, BoboQ oder NOR. Yoli aus Berlin-Mitte verkauft nicht nur »Frozen Yogurt«, sondern auch «Smoothies & Parfait«, und BoboQ handelt nicht mit Grillwürstchen und Steaks, sondern mit »Bubble-Tea«. NOR verkauft auch keine Norwegerpullis, sondern Wein. Vornehmlich Riesling. But not only. Not Only Riesling!

Foto: Dieter Peters
Rebgarten, Weingschäft, kleiner Weinstock – so hießen die Geschäfte früher, die am Fuß der ehemaligen Berliner Weinberge Wein verkauften. Zwar kamen auch ihre Flaschen nicht ausschließlich von Rhein und Mosel, sondern aus Italien, Spanien oder Frankreich. Ebenso wie ein Teil ihrer Kundschaft. Doch die meisten Kunden kamen aus der Straße um die Ecke, und sie holten sich ein oder zwei Liter Wein für den Hausgebrauch und für das Abendessen mit Freunden.

Das NOR ist weniger für die Nachbarn da und auch eher ein Weinausschank als ein Weingeschäft. Eine »Location« der feineren Sorte, mit feineren Preisen - durchgestylt, modern, und ein bisschen wie aus dem Katalog eines Einrichtungshauses. Sogar die Kundschaft passt ins Bild. Alles ist perfekt und schön, so wie das aus drei Buchstaben gestylte Logo des Lokals, das kaum noch Lokales hat, sondern so international ist, dass es mitsamt seinen Gästen ebenso in einer kleinen Straße in Frankreich, Spanien oder Italien liegen könnte. Ge-
Foto: Dieter Peters
nauso wie die Lone Star Taqueria aus der Bergmannstraße. So mexikanisch der Anstrich auch ist, den die Wirtschaft zur Schau trägt: Taquerias mit diesem oder ähnlichen Namen und Outfits gibt es massenweise auf der Welt. Egal, ob es das Tomasa in der alten Villa oder das Reds Deli (Coffee & Refreshments) mit seinen wenigen Quadratmetern ist - es gibt diese Stationen überall auf der Welt, und ihre Namen sagen wenig oder gar nichts.

Bei den Kneipen und Lokalen der Siebziger und Achtziger aber waren Nomen noch Omen. Unzählige »Destillen« versprachen das Übernachten neben kleinen Schnapsgläsern, Namen wie Trinkteufel, Koma, Alptraum und Ohne Ende ließen relevante Rückschlüsse zu auf die Stammgäste, das Angebot und die Öffnungszeiten. Diese Kneipen etablierten sich als Orte des gesellschaftlichen Lebens, »Locations«, die eigentlich voller Touristen sein müssten, die auf der Suche nach den langen Kreuzberger Nächten und dem »wahren Kreuzberg« sind. Doch die Gäste sind noch immer die alten Kreuzberger, so wie im Heidelberger Krug also auch im Ratpack.

Doch diese netten Lokale, die von ihren Stammgästen, ihren Wirten und ihren Geschichten leben, werden weniger. Und die Kreuzberger Nächte kürzer. Kein Wunder, wenn auch die Ideen immer seltener werden. Die Kreuzberger Gründerzeit der 60er- und 70er-Jahre, in der Menschen voller verrückter Ideen in kleinen Souterrains ihre Läden eröffneten, sind vorüber. Jahre, in denen die Schuhmachermeisterin aus der Fidicinstraße »Reißender Absatz« über ihre Werkstatt schrieb; Jahre, in denen eine Automobilwerkstatt namens »Autonom« im Hinterhof die vom 1.Mai verbeulten 2CVs wieder zurechthämmerte; in denen ein Taschenladen namens »Bagage« Rucksäcke und Lederbeutel noch an die echte Kreuzberger Bagage verkaufte, und in denen sich ein Satzbüro »Vorsatz« nannte.

Die Geschäfte mit den einprägsamen Wortspielen waren so erfolgreich, dass sich auch in jüngerer Zeit noch Nachahmer fanden: In der Friesenstraße eröffnete Kochstudio namens »In ala Munde«, und ein Frisör in der Bergmannstraße kam auf die »Schnittstelle«. Namen wie »Saftschubser«, »Milchschaum«, »Madame und Eva« oder »Sexymama« allerdings lassen den lokalen Einfallsreichtum vermissen.

»Es sind aber nicht die Namen allein, die zum Erfolg führen. Es ist die Gesamtheit des Auftritts. Aber ein witziger Name ist ein Hinweis darauf, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat«, sagt Isabelle Burghardt, die seit einigen Jahren in einer Agentur in der schicken Mitte der Stadt arbeitet. »Deshalb sind Namen ganz wichtig. Ein schönes Design, ein gut gestaltetes Schaufenster kann den Blick anziehen, aber nichts ist so verlockend wie eine gute Idee! Weil wir ständig auf der Suche nach etwas Neuem sind. Und etwas Neues beginnt immer mit einer Idee!«

Eine gute Idee hatte auch der Besitzer des Männergeschenkgeschäftes Herrlich. Nicht nur der Name, auch das Schaufenster beweist, dass in Kreuzberg noch Witz und Ironie zu finden sind. Das Arrangement der Männlichkeit aus Ölfass, Punchingball und Boxhandschuhen könnte ebenso in der 35. Straße in den Ausstellungsräumen des Moma zu besichtigen sein. Auch das Weingschäft in der Bergmannstraße, das nicht nur Weinflaschen ins Schaufenster stellt, sondern seit Jahren die überdimensionalen Fische des Kreuzberger Künstlers Ralph Stabbert durchs Schaufenster schwimmen lässt, beweist Sinn für Grenzüberschreitungen. Auch vor dem winzigen Schaufenster mit »Bildern und Bürsten« des Bürstenbinders Schröder bleiben immer wieder Passanten stehen. Das schönste Fenster allerdings kreierte der kleine Krim-Buchladen in der Friesenstraße: Hammett. In der Weihnachtszeit hängte er sein Fenster schlicht mit einem weißen Laken zu. Nur nächtens sah man dahinter im Schein einer Bogenlampe eine Frau sitzen und rauchen. Neben ihr, über dem Tisch zusammengesunken, ihr Mann - und ein umgeworfenes Glas.•

Foto: Privat

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