Kreuzberger Chronik
März 2012 - Ausgabe 135

Essen, Trinken, Rauchen

Sas trinkt Tee - und geht Baden


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von Saskia Vogel

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Sas hat es sich zur Angewohnheit gemacht, für Heißgetränke in Kreuzberg nicht mehr zu bezahlen. Ihr Trick: Sie kauft sich eine Dienstleistung und staubt den dazugehörigen Getränkeservice für umsonst ab. Klappt beim Friseur, wo es ´nen Topf Kaffee gratis zum Topfschnitt gibt – und es klappt im Hamam, jenem Frauenbad in der Schokofabrik, das als erstes seiner Art 1988 in Berlin seine Dampfdüsen anstellte. Für 14 Euro kann sich Sas am Heinrichplatz nicht nur stundenlang mit heißem Wasser übergießen, sie bekommt sogar einen großen türkischen Çay dazu – und den will sie haben, und zwar am besten sofort.

Zunächst aber muss Sas das Wellness-Ritual über sich ergehen lassen. Begrüßt wird sie mit »Najagehtso«-Laune, die orientalische Tresendame zieht ihre Augenbrauen hoch und gibt sich gelangweilt: Hinter dem Vorhang könne Sas sich umziehen (Sas zeigt sich Tresendamen ungern nackt), im Bad duschen (Sas ist lieber schmutzig), und sich unten im Dampfraum mit Wasser übergießen (Eigentlich geht Sas lieber im Meer baden). Sas plätschert zehn Minuten lang – und hat schon keine Lust mehr. Aber von der Hitze hat sie tierischen Durst! Sie ist ohnehin nicht gekommen, um auf heißen Steinen ihre Zeit zu vertrödeln, sondern wegen des Gratis-Tees! Der wird im Ruheraum serviert – und von der Orientalin derart lieblos auf den Tresen geknallt, dass Sas vor Schreck auf eines der Ruhesofas flüchtet. In geduckter Stellung wartet sie ängstlich, dass es 15 Uhr wird. Dann nämlich soll sie von einer der Hamam-Masseusen abgeholt werden.

Sas schlürft Tee. Gleich ist es drei Uhr. Sas schlürft Tee. Es ist gleich viertel nach drei. Sas schlürft weiter dampfenden Tee. Es ist fast schon halb vier, da fragt Sas endlich die Tresendame, ob man sie womöglich vergessen habe? Da aber fängt die Tresendame an zu zicken. Die Masseuse habe sie »überall« gesucht, und es sei nicht ihr Problem, wenn sie »nicht da« sei.

Nicht da sei? Zugegeben, Sas trägt Badeschlappen und hat Schwimmhäute, aber ist das ein Grund, ihre Existenz in Frage zu stellen? Sie hatte schließlich die ganze Zeit über in Sichtweite brav dagesessen und gewartet. Jetzt wird auch Sas zickig, aber die Tresendame äfft sie nach und fängt doch tatsächlich an, bei der Kollegin über sie zu lästern.

Sas will gehen, da kommt die Masseuse. Es tue ihr ehrlich leid, sie habe sie tatsächlich nicht finden können. Ob sie Sas vielleicht in einer halben Stunde massieren könne? Nein, sagt Sas, obwohl das ein wirklich freundliches Angebot war. Ob man sie mit einem weiteren Gratis-Çay zum Bleiben animieren könne, fragte die Masseuse? Aber wenn Sas einmal zickig ist, dann bleibt sie es auch. Sie sei eigentlich immer für Gratis-Heißgetränke zu haben, aber das könne ihr auch in einer drittklassigen Kreuzköllner Dönerbude serviert werden. Sagt Sas und macht auf dem Badelatschen kehrt. •


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