Kreuzberger Chronik
September 2010 - Ausgabe 120

Strassen, Häuser, Höfe

Die Methfesselstraße 23-25


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von Hans W. Korfmann

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Einst standen 21 Villen am Mehringdamm. Eine steht noch heute so da wie damals

Ein junger Mann lief die Methfesselstraße entlang. Zufällig, im Frühjahr 1980. Er suchte eine Wohnung. Als er am Abend heimkehrte, erzählte er seiner Frau von einer Villa in der Methfesselstraße, in die er sich verlaufen und verliebt hatte.

Diese Villa ist wie eine schöne Frau. Wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nie wieder. Sie ist nicht mehr ganz jung, sie verzichtet darauf, sich herauszuputzen, erste Risse tauchen auf im Putz, das Rouge der Ziegel ist verblasst. Doch trotz aller Spuren des Alters hat sie ihren Charme und ihre Würde nie verloren. Sie ist einer der letzten steinernen Zeugen der Villenkolonie an der Wilhelmshöhe, die mit 21 aristokratischen Wohnsitzen eine der vornehmsten Adressen Berlins war. Nur vier von ihnen haben den Krieg überstanden.

Geschaffen wurde das vornehme Viertel in der Nähe von Park und »Tivoli« von den geschäftstüchtigen Kaufleuten Lachmann und Munk, die aus der Kiesgrube eine Goldmine machen wollten. Sie kauften, parzellierten und verkauften die erschlossenen Baugrundstücke an feine Herrschaften, die ihrerseits namhafte Architekten beauftragten, um Häuser, Gärten, Wege, Teichanlagen, Springbrunnen und Freitreppen am steilen Hang zwischen Mehringdamm und Methfesselstraße anlegen zu lassen. Alltägliches war unerwünscht, die Einrichtung von Werkstätten, Gasthäusern, »Kranken- oder Irrenanstalten« war untersagt. Am 14. November 1874 fand auch das Grundstück an der »Wilhelmshöhe 11« seinen neuen Besitzer: Einem Zigarrenfabrikanten aus der Ritterstraße war der Kies 11.814 Taler wert.

Der neue Besitzer baute eine klassizistische Villa auf das Land, die zum Park hin zwei, auf der gegenüberliegenden Seite vier Stockwerke hoch war. Im Erdgeschoss befanden sich ein Empfangszimmer, der große Salon, ein kleineres Wohnzimmer, drei Schlafzimmer, ein Fremdenzimmer, sowie Bad und Küche. Noch einmal so viel Raum befand sich im ersten Stockwerk. Platz gab es also reichlich, und so wandelten die Erben nach dem Tod des Zigarrenhändlers Lindenberg die Villa in ein Mehrfamilienhaus um. Der Salon verlor seine Großartigkeit, ein Korridor wurde eingezogen, es gab große und kleine Zimmer und vornehme und weniger vornehme Mieter.

Da die Mieteinnahmen in den Zeiten der Inflation täglich an Wert verloren, verkauften die Erben 1923 das Haus für sagenhafte 20 Millionen Reichsmark an die Kaufleute Kothe und Schmidtke, die mehrere Bauanträge zur Renovierung stellten, doch nie zur Tat schritten. Die vielen Zimmer vermieteten sie an einen Maler, einen Arzt, einen Rentner und einen Kaufmann. 1944 schlug eine Brandbombe im Erker ein, doch die Villa überlebte. Weniger Glück hatte Nachbar Brandel, der Makler aus der Nummer 17, dessen Haus ein Schutthaufen war. 1946 erwarb er als neuen Wohnsitz eine Hälfte des Hauses von der Witwe Schmidtke und wurde gleichzeitig Verwalter der Immobilie.

Foto: Dieter Peters
Brandel war nicht nur ein strenger Verwalter, er war der souveräne Regent. Während die Mieter in feuchten Räumen schliefen, saß Brandel in Ledersesseln zwischen »schweren Möbeln mit flämischen, gedrehten Säulen« und wandelte über Perserteppiche, im alten Mercedes saß ein Chauffeur. Widerspruch war der Patriarch nicht gewohnt. Als sich eine Mieterin über den Zustand der Wohnung beklagte, schrieb er der Dame, sie könne doch nicht ernsthaft verlangen, dass er das ausgebrannte Zimmer renoviere, bei einer Miete von 150 Reichsmark, was »den Preis für ein Päckchen Amizigaretten um ein geringes überstieg.«

Die Siebzigerjahre waren angebrochen, als ein gewisser Lothar Collberg Brandels Juniorpartner wurde. Vier Jahre später kaufte Collberg die zweite Hälfte des Hauses von den Kothes. Die beiden Männer im Haus vertrugen sich prächtig, bis eine Frau die Szene betrat. Sie stand eines Tages mit Blumen vor Brandels Tür und ging nie wieder weg. Nun war es vorbei mit der Männerfreundschaft und dem Frieden im Haus, die Villa wurde zum Zankapfel zwischen Collberg und Brandel. Am Ende freute sich ein Dritter: Heltzel.

Im Mai des Jahres 1980 lief er die Methfesselstraße entlang, zufällig. Wenige Wochen später kaufte er sich die Berliner Morgenpost, »um festzustellen, ob sie immer noch so schlecht war«. Da er die Zeitung schon einmal bezahlt hatte, las er sie auch, »und zwar von vorn bis hinten«, und stieß auf folgende Anzeige: »Am Viktoriapark, älteres, instandsetzungsbedürftiges Büro/Wohngebäude, Grundstücksgröße ca. 1000 Quadratmeter, sofort zu verkaufen.«

Heltzel war klar, dass das kein Zufall, sondern Schicksal war. Eine Woche später stand er abermals vor der Villa. Und vor ihm stand Collberg mit seinem Porsche. Der Makler sah in dem bärtigen Studenten keinen ernsthaften Interessenten, doch schon nach kurzer Zeit hatte Heltzel das Geld aufgetrieben. Natürlich beschloss auch Heltzel, sich sofort an die Arbeit zu machen. Tatsächlich hat der gelernte Zimmermann viel an der Villa gearbeitet und einiges wieder hergestellt. Doch fertig ist er auch nach 30 Jahren nicht. Dieses Haus ist tatsächlich wie eine schöne Frau: Es lässt einen einfach nicht mehr los. •


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