Kreuzberger Chronik
November 2010 - Ausgabe 122

Essen, Trinken, Rauchen

Sas im Kultcafé


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von Saskia Vogel

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Warum Engel auch brünett sein können

Verschiedene Sorten Tee -2 Euro, steht auf der Liste über dem Selbstbedienungs-Tresen, und auf Sas´ Frage, was denn für Teevariationen zur Verfügung stünden, bekommt sie vom Tresenmädchen eine pampige Antwort: »Alle möglichen halt. Und die dann in verschiedenen Geschmäckern.« Sowas kann Sas gerade gut gebrauchen. Sie könnte das Coffee Cult geradewegs wieder verlassen.

Unfreundliche Bedienungen können sich echte Kult-Cafés leisten, die sich über Jahrzehnte hinweg den Status einer Legende erarbeitet haben. Cafés wie das Einstein, die, auch wenn das Personal dem Gast einen kalten Waschlappen um die Ohren knallt, darauf vertrauen können, dass dieser trotzdem irgendwann wieder vor dem Tresen steht. Weil »Kult«, lateinisch »cultus«, nichts anderes meint als »Götterverehrung«. Mit Gott hat das hier aber nichts zu tun, und Sas ist bereit, sich umzudrehen und wieder zu gehen.

Ein Glück für das Coffee Cult, dass sich just in diesem Moment ein Engel ihres Heißgetränkewunsches annimmt. Eben noch damit beschäftigt, einen Rote-Beete-Drink zu mixen, mischt sich unverhofft eine glänzende Brünette in das Gemaule der verhärmten Kollegin ein: »Ich könnte Ihnen einen Yogi-Tee anbieten«, flötet der schöngesichtige Engel und macht damit alles wieder gut.

»Ja«, sagt Sas fast ehrfürchtig, »Sie können mir einen Yogi-Tee anbieten.« - »Und ich würde Ihnen den auch an Ihren Platz bringen«.- »Ja«, sagt Sas, »Sie können ihn mir auch an den Tisch bringen. Und einen Preiselbeerschmand-Kuchen gleich dazu.« – »Sehr gerne...«, haucht die göttliche Gesandte.

Prinzessin Sas – Gäste sind schließlich Könige und Prinzessinnen -nimmt gnädig zwischen Zeitung lesenden Studenten auf einer Lederbank Platz. Drumherum lassen sich junge Hungrige liebevoll arrangierte Kuchen und kleine Speisen zu frischgepressten Säften im minimalistischen Interieur an die Tische bringen. Kaffee heißt hier natürlich »Coffee« , Milchkaffee »Coffee Latte« und auf »Coffee Cream« reimt sich Kaffeecreme. Für Sas ist das alles aufgeplusterte Milch mit Nervenkick, die allerdings echt lecker schmeckt.

Obwohl das Coffee Cult also eigentlich der bekannten US-Coffee-Shop-Kette täuschend ähnlich ist, gibt es immerhin einen durchaus sympathischen Unterschied: Blecht der Gast bei Buck´s für ein Getränk sein halbes Monatsgehalt, so kostet die »Gefleckte Milch« im selbsternannten Kult-Café in der Bergmannstraße nur 1,90 Euro, und die Tomatenscheiben auf den Bagels dürfen auch mal dicker sein als die von »Standardmanagern« vorgeschriebenen vier Millimeter. •


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