Kreuzberger Chronik
Juni 2010 - Ausgabe 118

Geschichten & Geschichte

Günter Bruno Fuchs


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von Hans W. Korfmann

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Den großen Roman hat der »freischaffende Trinker« nie geschrieben. Er lebte ihn.




Viele ungeschehene Anekdoten verließen die zinke, schrieb Robert Wolfgang Schnell. Doch einige hatten sich tatsächlich ereignet. Der Journalist Kotschenreuther beschrieb, wie er eines Abends die Galerie betreten wollte, da »quoll gerade ein gewaltiger Fleischberg kopfüber die halsbrecherische Wendeltreppe herab, die zu den Ausstellungsräumen führt. Es war einer der beiden Leiter der Galerie. Am Fuße der Treppe angekommen, stand er auf und ließ sich, fröhlich vor sich hin singend, von den Besuchern wieder nach oben hieven.«

Es wird erzählt, dass Günter Bruno Fuchs immer viel und gern gesungen hätte. In seinem schweren Körper regierte eine federleichte Seele, gleichberechtigt neben ernsten Gedanken beherrschten kindische Flausen, Melodien und einfache Reime das Werk des Dichters und Malers. Fuchs war »ein dickes Gedicht, das durch nichts anderes Bestand hatte als durch den Reim, den es sich auf die Welt gemacht hatte. Und ob diese Welt mit der Realität etwas zu tun hatte, war seine geringste Sorge«, schrieb der Autor Schnell über den Kollegen Fuchs.

Kollege Fuchs ist eine der schillerndsten Figuren der Kreuzberger Künstlerszene. Geboren zwischen zwei Kriegen, am 3. Juli 1928, in der Admiralstraße an der Ecke zur Kohlfurter Straße, nah beim Kanal und der späteren Weltlaterne. »Sie können gehen«, soll die Hebamme zum Arzt gesagt haben. –»Nee, ich bleibe, hier ist es so lustig«, hat der Arzt geantwortet. Tatsächlich war die gebärende Stenotypistin eine lebenslustige Frau, die Goldenen Zwanzigerjahre waren noch nicht vorüber, und der kleine Günter Bruno wuchs zunächst eher bei der Großmutter als bei der Mutter auf.

Er war ein guter Schüler, doch dann brach der Krieg aus, mit fünfzehn stand er an der Flak, sein einziger Schulabschluss ist ein so genanntes Luftwaffenhelfer-Schulzeugnis, sein »Fleiß befriedigend«. Mit siebzehn geriet er in Kriegsgefangenschaft und schrieb die ersten Gedichte. Jahre später veröffentlichte er eine Reihe von Essays über den »verratenen Messias« und meinte damit den Kriegsgegner und Dichter Wolfgang Borchert.

Die Kriegsjahre prägen die dunklen Seiten seiner Texte und ziehen eine feine Spur von Schwermut durch die Leichtigkeit seines Werkes. Zurück in Berlin – das Haus seiner Kindheit ist von den Bomben zerstört, die Mutter in den russischen Sektor gezogen – studiert er tagsüber an der Akademie der Bildenden Künste und abends an der Ingenieurschule für Hochbau. Nebenbei jobbt er. 1949 wird ihm das Studieren zu teuer, er nimmt eine Stelle als Lehrer an. Als er das Bildnis Stalins aus dem Klassenzimmer entfernt und vor die Tür hängt – mit der Begründung, es könne dort doch viel besser gesehen werden! – gerät er in Schwierigkeiten. Auf Anraten der Mutter geht er nach West-Berlin, arbeitet zunächst als Zirkusclown und als Maurer, aber dann beginnt er, für die Westdeutsche Allgemeine zu schreiben.

Auch eine Frau betritt endlich sein Leben: Gisela Amft aus Pankow. Einen Moment lang sieht es aus, als könne er ein bürgerliches Leben führen. Er wird Vater und findet eine Stelle als Zeichenlehrer in einem Kinder- und Jugendhaus in Reutlingen. Auch sein erstes Buch erscheint, es ist ein Kinderbuch: »Chap, der Enkel des Waldläufers«. Später erscheinen »Das Abenteuer der Taube« und »Die Jungen vom Teufelsmoor«. Noch viel später sagt er einmal: »Jedes kleine Kind möchte abends eine Gutenachtgeschichte hören... - und genau das ist es, was die Erwachsenen auch möchten. Dafür ist ein Autor da, das ist seine Aufgabe.«

»Er war ein wunderbarer Vater«, sagt der Verleger Klaus Wagenbach über Günter Bruno Fuchs, der nach der Trennung von der Frau die Tochter zu sich nahm. Die Frau, so erzählte man, hätte es nicht mehr ausgehalten neben der Schwiegermutter, mit der sich die Familie – wieder zurück in Berlin - die Wohnung teilte. Den Rest seines Lebens verbringt er wieder bei seiner Mutter, die ihn als Kind zur Großmutter gab. Die Mutter war sein Zuhause.

Doch hatte Fuchs neben Mutter und Tochter noch ein zweites Zuhause: die Kreuzberger Kneipen. Und ein drittes: die Kunst. Fuchs wurde allmählich bekannt, er veröffentlichte bei der legendären Eremitenpresse, wo die Autoren »in einem alten Haus voller Mäuse und einer Druckmaschine« ihre Bücher noch selbst drucken mussten, in der Zeitschrift Akzente, später bei Wagenbach und Hanser. Er wird zur Gruppe 47 nach Wien eingeladen, fährt aber nie hin, sondern protestiert gegen eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik oder unterzeichnet 1967 ein Manifest, das die Bildzeitung des Mordes an Benno Ohnesorg bezichtigt.

In all diesen Jahren sind die Künstlerkneipen so etwas wie die Wohnzimmer der Berliner Boheme, in denen die skurrilsten Gestalten verkehrten, Gestalten wie Oskar Huth, an den sich Wagenbach noch gut erinnern kann, »ein ganz bescheidener Mann, der unentwegt vor sich hin redete, zum Teil sehr komische Sachen. Und zwischendurch bestellte er einen Doppelstöckigen, und Günter Bruno dann: Bitte einen vierfachen Doppelstöckigen!«

Bei vielen Künstlern gehörten diese Auftritte zur Inszenierung, zum Show-Geschäft. Nicht bei Fuchs. Michael Krüger, damals als Lektor beim Hanser-Verlag, sagt: »Diese ganze (literarische) Welt von Zirkus, Parkbank, Außenseitertum, die war ja gelebt, das war nicht ... angelesen«, sondern »alles biographisch imprägniert, von oben bis unten.« Krüger fügt hinzu: »Für die Rezeption war er eben diese eigenartige Säuferfigur, großzügig, genialisch, dick, generös, der, wenn er Geld in der Tasche hatte, es
sofort mit allen teilte. Das war das äußerliche Bild. Aber tief drinnen war er natürlich so ein unerhört verletztes Kind, das seine Verse schrieb und seine Holzschnitte machte.«

Verse, kleine Geschichten, das wollte er. »Einen Bestseller« wollte er nie. Er wollte »Parabeln« hinterlassen, Gleichnisse. Worte wie diese: »Zwischen Fassaden sitzend. Tief in Polstern eines abgestellten Sessels, den Kopf mit zerzauster Mähne zurückgelehnt, und ziemlich dicken Bauchs seinen Zuhörern, seinen Bierflaschen zugewandt, ruft der Kanalpoet herüber: Siehst du das Pferd, das mit seinen Hufen Nüsse knackt? Siehst du den Mann, der ein Kopfkissen gegen die Decke wirft? Gut, du siehst. Wisse aber, mein Lausebengel: Der Sonntag in seiner lautlosen Kutsche verbietet dir, mit dem Wagenführer zu spucken. Die Nacht wird ins Bierglas gefüllt, du mußt sie trinken, du bist auserwählt. Und deshalb: Hut ab vor meinem Schreibtisch!«

Er hätte ewig so weiter schreiben und zeichnen können. Er war genial. Seine Manuskripte waren »graphische Kunstwerke, (....) kein Fleckchen oder irgendetwas. Das war sowieso das merkwürdige bei ihm, dass er in seiner Arbeit ungeheuer sorgfältig war, was man eigentlich bei einem so extremen Alkoholiker nicht erwarten konnte«, erinnert sich ein Redakteur vom Süddeutschen Rundfunk.

Auch Carl Hanser mochte diesen durstigen Dichter, der sich als »freischaffenden Trinker« bezeichnete. Er ermöglichte ihm sogar die Einrichtung der »Rixdorfer Drucke«, einer Werkstatt, wo er mit Künstlerfreunden auf der Handpresse großformatige Bücher und Kunstbände produzierte. Bei jedem Besuch redete der Chef des Hanserverlags ihm ins Gewissen, er möge doch endlich mit dem »schweren Trinken aufhören«, und sich »auf den großen Roman konzentrieren«. Michael Krüger erinnert sich »an die große Zuneigung dieser beiden Herrschaften..., dieser etwas strenge, nicht gerade besonders impulsive Herr Hanser, der mit ruhiger Stimme immer wieder sagte: Herr Fuchs, auch ein Schriftsteller muß sich an bestimmte bürgerliche Konventionen gewöhnen... – und auf der anderen Seite der Fuchs, der über alles nachdachte, nur nicht darüber, wie man ein bürgerliches Leben führen konnte.«

Am 19. April 1977 findet seine Mutter den Schriftsteller tot vor der Schreibmaschine, in die ein leeres, weißes Blatt eingespannt ist, den Telefonhörer in der Hand. Er ist 49 Jahre alt. Den großen Roman hat er nicht mehr geschrieben


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