Kreuzberger Chronik
Juli 2010 - Ausgabe 119

Strassen, Häuser, Höfe

Das Europahaus


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von Erwin Tichatschek

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Der beschwerliche Weg vom Europahaus zum Deutschlandhaus

Das Europahaus in der Stresemannstraße ist ein großer Würfel, in dessen oberen Stockwerken heute das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung vergebens über Wege aus der Krise grübelt. Doch nicht immer war die Lage so aussichtslos. Schon der Name des schmucklosen, im Stil der Neuen Sachlichkeit errichteten Gebäudes lässt erahnen, dass dieses Haus eine erfolgreiche Geschichte hinter sich hat. Tatsächlich war das Europahaus in den 30er Jahren mit seinen 35.000 Quadratmetern eine architektonische Sensation und galt für ein paar Jahre als das größte Geschäftshaus Europas. Gigantische Leuchtreklamen und ein 15 Meter hoher »Lichterturm«, mit dem die Allianz um Kunden warb, wurden zum strahlenden Symbol des Berliner Nachtlebens.

Das zwölfstöckige Haus gehörte zu einem lang gestreckten Gebäudekomplex aus Läden, Cafés und Veranstaltungssälen, der allabendlich von Tausenden von Berlinern mit Leben erfüllt wurde. Verantwortlich für die neue Vergnügungsmeile zeichneten die Architekten Bielenberg und Moser, die 1926 zunächst das zweistöckige Gebäude mit seiner luxuriösen Ladenzeile verwirklichten. Fünf Jahre später setzte der Kollege Otto Firle mit dem Europahaus dem Komplex am südlichen Ende einen imposanten Schlussakkord.

Das Triumvirat aus Anhalter Bahnhof, Grand Hotel Excelsior und Europahaus wurde zum Symbol einer neuen Ära. Der Askanische Platz, wenige Jahre vorher noch ein schlammiger Markt für Kartoffeln und Kohl, wurde zu einem der Zentren urbaner Lebenslust. Von besonderer Bedeutung waren dabei die großen Tanzsäle, von denen es in der Stresemannstraße nun gleich mehrere gab. Im Europa Tanz Pavillon und im Café Europa mit seinen weiß gedeckten Tischen, den zwei Galerien und gleich drei Tanzflächen für insgesamt 3.000 Gäste, spielten die Tanzorchester zu Kaffee und Kuchen, darunter bekannte Namen wie Heinz Wehner, Bernhard Etté oder die Manhattan-Jazz-Band. Besonders stolz waren die Berliner auf den Wintergarten, der 1935 unmittelbar hinter dem Café Europa errichtet wurde. Der so genannte Palmengarten mit seinen exotischen Gewächsen und Skulpturen besaß ein gläsernes Dach, das bei schönem Wetter automatisch zurückgefahren werden konnte, und in lauen Sommernächten tanzten die Verliebten unter freiem Sternenhimmel.

Auch das Lichtspieltheater neben dem Europahaus war mit seinen fast 2.000 Sitzplätzen in den vergnügungssüchtigen Zwanzigern ein zugkräftiger Publikumsmagnet. Der Phoebus Palast machte das Europahaus zumindest im Berliner Sprachgebrauch schon bald zum »Europapalast«, UFA-Stars gingen ein und aus, und noch 1938, als Chaplin bereits an seiner Parodie auf den großen Diktator arbeitete und vielen Intellektuellen die Lust auf einen Deutschlandbesuch vergangen war, trafen sich Filmschaffende aus aller Welt noch einmal zu einem Kongress im »Europapalast« an der Stresemannstraße, in dem die beiden ersten Sendestudios für einen regulären Fernsehbetrieb eingeweiht werden sollten. 1941 kam sogar noch ein drittes Studio hinzu, doch dann zerstörte Hitlers Krieg mit dem Europahaus auch das Filmhaus.

Der Wiederaufbau begann schleppend, erst 1966 waren die Umbauten und Renovierungen abgeschlossen. Der Palast Europas verkümmerte zum »Haus der Ostdeutschen Heimat«, einer Gedenkstätte für das verlorene Land hinter Oder und Neiße. Noch heute steht in großen Lettern »Deutschlandhaus« über einem Teil des Gebäudes. Die Errichtung sowjetischer Kultur- und Propagandazentren in Ost-Berlin hatte die Politiker im Westen dazu bewogen, auf der anderen Seite ein Haus zur Verteidigung deutscher Kultur zu errichten. Verschiedene Landsmannschaften hielten im Deutschlandhaus Einzug, und die Ausstellungen über die ehemals deutschen Territorien im Osten erregten auf beiden Seiten der Mauer die Gemüter und die Journalisten. Noch heute zeugen die »farbigen Wappen der verlorenen Heimat« in den Fenstern des Foyers und die großen ostpreußischen Wappenadler in den Gängen der ehemaligen Büroetagen des Bundes der Vertriebenen davon, wie schwer sich die Verlierer mit der Niederlage und den neuen Grenzflüssen Oder und Neiße abfinden konnten.

Auch nach dem Bau der Mauer blieb die Nummer 92 eine Adresse für Vertriebene. Nun waren es DDR-Flüchtlinge, die den Weg zum Deutschlandhaus einschlugen. Doch 1999 musste der Bund der Vertriebenen selbst gehen: Berlin hatte für Nostalgiepflege kein Geld mehr, die Subventionen für das Haus der Heimatlosen wurden restlos gestrichen. Um nicht den Zorn aller Vertriebenen auf sich zu ziehen, beschloss die Bundesregierung im März 2008, ein Dokumentationszentrum zum Thema »Flucht und Vertreibung in Europa« einzurichten. Dafür sollten abermals 30 Millionen Euro in das Europahaus investiert werden. Eine Ausschreibung für den Umbau blieb jedoch zunächst aus, und dass sich nun, in den Zeiten der großen Krise, noch 30 Millionen für eine Gedenkstätte in den leeren Staatskassen finden lassen, daran zweifelt man nicht nur in den vier ministerialen Stockwerken des Europahauses. •


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