Kreuzberger Chronik
Juli 2010 - Ausgabe 119

Kreuzberger
Jorgos Chrissidis

Tanzen verbindet mich mit der Vergangenheit


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von Ina Winkler

Titelfoto: Sönke Tollkühn

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Tanzen verbindet mich mit der Vergangenheit

Jorgos Chrissidis ist ein »unverbesserlicher Idealist«. Ein ehrlicher Mensch. So ehrlich und idealistisch wie sein Vater, der schon vor Jahren wieder nach Anixia in Thessalien zurückgekehrt ist und sich heute über die Hirten beschwert, die behaupten, sie hätten 1.000 Schafe in den Bergen, obwohl sie gerade mal 200 Stück haben, um für 1.000 Schafe EU-Subventionen zu kassieren. »Diese Lügner haben den Staat in den Ruin getrieben«, sagt der Vater. Der Sohn sagt dann: »Reg dich nicht auf, es hat doch keinen Sinn. So ist der Mensch.« Doch im Grunde ist Jorgos genau so ein ehrlicher Typ wie sein Vater. Von Tricks und Schwindeleien hält er nichts.

Manchmal aber muss auch Jorgos Chrissidis eine List anwenden. Deshalb sucht in seinem Restaurant, das den Namen »Z« trägt und eher an den griechischen Widerstand erinnern soll als an den Sokrates oder Diogenes, nicht der Wirt die Musik des Abends aus, sondern ein Zufallsgenerator. Denn wenn der Wirt immer schon vorher wüsste, welches Lied als nächstes kommt, dann wäre das Leben nur noch halb so abenteuerlich. Dann gäbe es diese Momente nicht, wenn plötzlich, nach langem Abend voller Gäste und Arbeit und Lärm, der mit griechischen Heimatklängen überladene Computer wieder diesen alten Rembetiko auswählt, wenn diese Stimme von Fouli Dimitriou plötzlich wieder dieses alte Lied vom Koch anstimmt: »He, Marjire, fere apo ta chorta, na xechnao to pono mu – He Koch, bring mir von den Kräutern, damit ich endlich meinen Kummer vergesse!«

Dann kann Jorgos gar nicht mehr anders. Dann stellt er das Tablett ab, setzt langsam den einen Fuß vor den anderen, dann den einen neben den anderen, und dann breitet er die Arme aus. So, als würde er gleich davon fliegen, so, als wäre er Anthony Quinn alias Alexis Sorbas am Strand von Kreta. Und die ganze Arbeit, der ganze Kummer, das ganze manchmal so mühselige Leben ist auf einmal vergessen. Denn wenn der Wirt tanzt, dann ist er zuhause. »Das Tanzen«, sagt Jorgos Chrissidis, »verbindet mich mit der Vergangenheit.«

Foto: Privat

So macht die kleine List mit dem Computer alle glücklich: den Wirt, die Gäste und den Koch, der schon bei den ersten Klängen des Liedes mit einem Stapel Tellern aus der Küche gelaufen kommt, um sie dem tanzenden Chef vor die Füße zu werfen. Der zerkratzte Boden im Lokal zeugt von den vielen Tänzen, auch ein holländischer Reiseführer hat die Szene festgehalten. »Seitdem kommen viele Holländer in das Lokal, und jedes Mal um Mitternacht fragen sie, warum ich nicht tanze. Als gehöre das zum Geschäft. Aber ich kann nicht auf Kommando tanzen. Niemand, der wirklich tanzt, kann auf Kommando tanzen.«

Der Rembetiko ist melancholisch, doch für Jorgos ist er ein Lebenselixier. Ebenso wie der Frappé. Chrissidis kann nicht leben ohne Frappé. »Wenn ich Frappé trinke und die Augen schließe, dann ist der Himmel blau, das Meer ist wieder da, der Liegestuhl. Ein Frappé mit Eis, das ist wie Urlaub für mich.« Deshalb wird Chrissidis immer - egal, wohin er kommt, ob es ein Café auf der Bergmannstraße, eine Bar in Alaska oder ein Kafenion in Griechenland ist -zuerst nach einem Frappé fragen. So, als wäre der kalte Kaffee ein Allerweltsgetränk. Dabei ist der Frappé auch im multikulturellen Kreuzberg kaum zu finden. Doch das ist so ziemlich das einzige, was Chrissidis in Kreuzberg vermisst. Im Grunde fühlt er sich heimisch hier. Er hat viele Freunde, wird gerne eingeladen – fast so wie in seinem Dorf auf dem Peloponnes. Die anderen lachen ihn manchmal aus, wenn er sagt, er sei ein Teil dieser Gesellschaft. Sie behaupten, ein Grieche sei für die Deutschen auch nichts anderes als ein Albaner für die Griechen: Ausländer. »Aber Kreuzberg ist kein Ausland mehr für mich. Wenn ich die Friesenstraße hinunter laufe, dann grüßen sie mich zwanzigmal, Hallo Jorgo, Iassu Z, wie gehts, was hast du heute Abend gekocht

Damals allerdings, vor 26 Jahren, da war Kreuzberg noch fernes Ausland. Da war Griechenland weit, weit weg. Da stand die Mauer noch, kalt und undurchdringlich, das Telefonieren nach Griechenland war ein Abenteuer, die Flüge unbezahlbar. Der Peloponnes war eine andere Welt. Jetzt ist die Mauer gefallen, mit der Satellitenschüssel empfängt er sämtliche Fernsehkanäle weltweit, das Telefon kostet nichts mehr, und im Internet gibt es mehr griechische Radiosender als in Griechenland. 1984 war das anders. Da kaufte er sich, kaum war er in der kleinen Wohnung in der Karl Marx Straße angekommen, zuerst
Foto: Privat
einmal einen kleinen Weltempfänger. Und manchmal, wenn zwischen den atmosphärischen Störungen der krächzenden Kurzwellensender die Bouzouki ertönte, dann setzte der Student in dem winzigen Zimmer seines Cousins zuerst einen Fuß vor den anderen, dann einen Fuß neben den anderen. Und begann zu tanzen.

Auch in den griechischen Lokalen in der Nähe des Kudamms, im Steki, im Polimeri und im Parea, tanzte der junge Psychologiestudent ganze Nächte lang mit den Kommilitonen von der FU auf den Tischen, während die kleinen griechischen Tanzorchester ihre Bouzouki und Lyra spielten. Über 20.000 Griechen studierten und arbeiteten damals in Berlin, Berlin war eine wunderbare Stadt in den Achtzigerjahren. Schon dem kleinen Jorgos hatte sie gefallen, als er 1974 zum ersten Mal ein Flugzeug betrat und mit dem Bruder nach Berlin flog, um in der Neuköllner Fuldastraße die Eltern zu besuchen. Staunend standen die Kinder in der winzigen Gastarbeiterwohnung mit dem riesigen Kachelofen an der Wand, still standen sie vor der abgebrochenen Gedächtniskirche und der Grenzmauer mitten in der Stadt. Sie besuchten den Zoo und das KDW, bewunderten die Spielzeugabteilung bei Karstadt und die Stadtautobahn. Aber nach Berlin wollten sie trotzdem nicht. Sie wollten bei den Großeltern bleiben, in Anixia, und jedes Mal, wenn die Eltern nach den Sommerferien wieder zurück nach Berlin fuhren, weinten sie so herzerweichend, dass diese eines Tages tatsächlich heimkehrten zu ihren Kindern.

Natürlich wurde die Rückkehr der Eltern gefeiert. Und natürlich aßen, tranken und tanzten sie in Anixia. Und vielleicht war an einem dieser langen Abende sogar das schmale Mädchen aus dem Nachbardorf mit dabei gewesen, das Jorgos zehn Jahre später in Berlin wiedertraf, und das nun gar kein dünnes, unscheinbares Mädchen mehr war. Und wieder tanzte der junge Mann, tanzte, bis zwei Kinder geboren wurden in Berlin, Rula und Christina. Doch dann wurden die Freudensprünge immer seltener, der Tanz immer langsamer, klagend klang die Bouzouki. Am Ende blieb der Vater mit den Kindern allein zurück.

Allein mit seinen Kindern und seinem Restaurant. Dort aßen, tranken und tanzten sie. Aris kam, Aris Petrakis aus Kreta, der Sohn eines berühmten Widerstandskämpfers und überzeugten Kommunisten. Nächtelang saßen sie und diskutierten und philosophierten und spielten Karten. Pokerten um kleine und um große Scheine, die ganze Nacht hindurch, bis morgens um 8. Es wurde geschimpft, gewonnen und verloren. Es wurde Frappé getrunken, Raki und Wein. Es wurde betrogen. Es verschwand Geld. Und obwohl Jorgos eigentlich ein viel zu ehrlicher Mensch dafür ist, blieben sie alle Freunde. Und das Restaurant wurde zum Mittelpunkt seines Lebens. Zu seinem Zuhause.

Doch dann kam Ria. Obwohl Ria ja eigentlich schon immer da gewesen war. Doch hatte die Kellnerin im Leben des Jorgos Chrissidis bis dahin nur eine bescheidene Nebenrolle gespielt. Nun plötzlich setzte sie einen Fuß vor den anderen, kam auf ihn zu, setzte ihren Fuß neben seinen Fuß. Und Jorgos reichte ihr die Hand und tanzte, bis im Sommer des Jahres 2000 Filippos geboren wurde, ein kleiner, süßer, etwas schüchterner Junge, der das Leben von Jorgos und Ria noch einmal komplett durcheinander brachte. Die junge Mutter lag noch erschöpft im Wochenbett, als der Arzt den Vater beiseite nahm und sagte: »Ihr Sohn hat das Down-Syndrom«.

Die Eltern hatten geglaubt, am Anfang eines neuen Lebens zu stehen. Nun sahen sie sich am Ende. Das Herz des Kindes schlug zu langsam, die Lunge war schwach. Die junge Mutter kam vor Kummer aus dem Bett gar nicht mehr hoch. Und Jorgos redete und fragte, und die Ärzte redeten und beschwichtigten, erklärten und besänftigten, suchten nach Entschuldigungen. Doch Jorgos Chrissidis verträgt keine Lügengeschichten, er sagte: »Jetzt hören Sie auf damit, mir eine heile Welt vorzumalen. Erzählen Sie mir endlich, was auf uns zukommt.«

Doch wer kann das erzählen. Diese große Summe kleiner Traurigkeiten. Den alltäglichen Kampf gegen Paragraphen und Behörden, gegen eine Welt voller Normen und Normalitäten. »Wie ein Tiger hat Ria für Filippos gekämpft«, sagt Jorgos, und in seinen Augenwinkeln spiegelt sich einen Moment lang das Licht der Sonne. Ria war es, die immer wieder sagte: »Jorgos, wir schaffen das. Jorgos, wir machen das!« Nie hat sie aufgegeben. Bis zum Schulsenator ist sie vorgedrungen, zweimal hat sie diesem Mann erklärt, dass ihr Kind nur auf dem Papier, nur der Mathematik nach im schulpflichtigen Alter sei. Dass ihr Sohn noch immer nicht sprechen könne. Dass Filippos noch etwas Zeit brauche und noch nicht reif sei für die Schule. Und sie hat es geschafft: Über alle Gesetze und Bestimmungen hinweg hat sie den kleinen Filippos mit 8 Jahren in einer ganz normalen Schule untergebracht.

Für das alles gibt es so wenige Worte! Für die vielen kleinen Enttäuschungen und die wenigen kleinen Freuden. Für die großen Freuden fehlen sie ganz. Für das strahlende Lachen von Filippos, wenn er in Anixia auf dem Traktor sitzt, wenn er auf dem Schoß des Großvaters das Lenkrad in den Händen hält. Wenn die Kinder ihn bei der Hand nehmen und im ganzen Dorf herumführen. Wenn er wie ein Fisch im Meer schwimmt, während Ria und Jorgos mit ihrem Frappé im Liegestuhl unter dem bunten Sonnenschirm liegen. Wenn jemand nach Michael Jackson fragt und Filippos vor Begeisterung die Augen aufreißt.

»Dafür fehlen die Worte.« Das kann man nur tanzen. In die Knie gehen, sich beugen, sich bücken, eine Hand auf dem Rücken - oder die Hände zum Himmel heben, die Arme ausbreiten, die Welt umarmen. Vor lauter Freude über den Tag, als das Kind zum ersten Mal seinen Namen sagte: Filippos. Vor Freude über die ersten Sätze. Vor Freude über jenen Moment, als der Sohn an einem Sonntagmorgen zum ersten Mal zu seinem Vater kam und sagte: »Hoppa hoppa Papa, hoppa hoppa, lass uns tanzen!«

Da reichte der Vater seinem Sohn die Hand, und die beiden tanzten all das heraus, wofür sie keine Worte fanden, der Vater nicht, und der Sohn nicht. Wie sonst sollten sie das alles erzählen. •


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