Kreuzberger Chronik
Juli 2010 - Ausgabe 119

Literatur

Wir ziehen zusammen


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von Lisa Seelig

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Makler sind meist junge Männer mit Gel in der Igelfrisur, eckigen Brillen und Handygürtel. Und sie sind die Türsteher der Immobilienbranche: Sie kosten ihre Macht, die ihnen kraft eines öden Jobs verliehen wurde, genüsslich aus. Kürzlich musste ich wieder zum Mietercasting. Ich bin zurück nach Berlin gezogen, zurück zu Johannes. In unsere erste gemeinsame Wohnung. Und die musste erst gefunden werden. Also drückten wir uns, besonders samstags und sonntags, pro Tag zusammen mit bis zu siebzig weiteren Castingteilnehmern durch Kreuzberger Altbauwohnungen.

Johannes hatte davor schon zwei Wochen lang alleine Wohnungen angeguckt. Abends, wenn wir telefonierten, war er immer schlecht gelaunt gewesen, und jedes Mal hatte er gesagt: »Ich hasse Pärchen.« Er meinte damit speziell Wohnungsbesichtigungs-Pärchen. Johannes bekam Alpträume von Wohnungsbesichtigungspärchen mit identischen Multifunktionsjacken und prall gefüllten Selbstauskunftsmappen, die sie den Maklern siegesgewiss lächelnd in die Hand drückten. Besichtigungs-Pärchen seien nicht nur für echte Singles, sondern auch für Besichtigungs-Singles Horror, erklärte Johannes.

Nach meiner Ankunft in Berlin löste ich Johannes ab und übernahm wochentags die Rolle des Besichtigungs-Singles. Besonders Angst machten mir jene Pärchen, die die Wohnungen derart siegessicher durchschritten, als hätten sie schon längst den Mietvertrag unterschrieben. Zum Makler sagten sie Sachen wie »Wir überlegen, ob wir den Ofen vielleicht rausreißen und einen Kamin einbauen lassen.«

Ein paar Tage lang sah ich diesem Schauspiel tatenlos zu: Selbstauskunftsmappen, die aus Pärchenhänden in Maklerbesitz übergingen. Dann fasste ich einen Entschluss. Nach einigen Telefonaten und einem Besuch im Copyshop hatte ich gesammelt: Zwei Schufa-Auskünfte, zwei Mietschuldenfreiheitsbescheinigungen, zwei aktuelle Gehaltsabrechnungskopien, zwei Personalausweiskopien. Und ein Deckblatt. Ich war zu einem Mappenpärchenbestandteil geworden. •

Aus: »Wer Ja sagt, muss auch onkel horst einladen«, deutscher taschenbuch Verlag, 128 Seiten, 8,95 Euro, iSBN 3423211970



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