Kreuzberger Chronik
Februar 2010 - Ausgabe 114

Strassen, Häuser, Höfe

Das May-Ayim-Ufer


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von Ina Winkler

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Das May-Ayim-Ufer ist selbst alteingesessenen Kreuzbergern unbekannt. Auch auf dem Straßenschild steht noch der alte Name

Es ist erst wenige Monate her, dass die Fraktion aus dem Bündnis 90 und den Grünen anregte, den nach einem Würdenträger aus der Zeit deutscher Expansionspolitik benannten Uferstreifen zwischen der Pfuelstraße und der Oberbaumbrücke umzubenennen. Erst seit dem 27. Mai 2009 Jahr trägt das Sträßchen am Rande Kreuzbergs nicht mehr den Namen eines Kolonialisten aus dem 18. Jahrhundert, sondern einer Nachfahrin der Kolonisierten. May Ayim allerdings wuchs drei Jahrhunderte später in Deutschland auf. Glücklich wurde sie hier nicht. Nach eigenen Worten litt sie unter dem ständigen Gefühl, »beweisen zu müssen, dass ein Mischling, ein Neger, ein Heimkind ein vollwertiger Mensch ist.«

May Ayim, in der Geburtsurkunde noch Sylvia Brigitte Gertrud Opitz, wurde 1960 in Hamburg als Tochter eines Afrikaners und einer Deutschen geboren, wuchs jedoch in einem Heim und in einer Pflegefamilie auf. Anfang der Achtzigerjahre studierte die junge Frau in Regensburg Pädagogik, doch ihre Diplomarbeit über Geschichte und Gegenwart der Afrodeutschen und die Rolle der Afrikaner im Nachkriegsdeutschland wurde mit der Begründung abgelehnt, dass ihre These eines grassierenden Rassismus in Deutschland falsch sei. Als Buch war die Arbeit erfolgreicher. Der Titel »Farbe bekennen« wurde ein Kulttitel in der deutschsprachigen Frauenliteratur.
Die Autorin Ayim gehörte zu den Gründerinnen der »afrodeutschen Bewegung«. Sie traf die Frauenrechtlerin Angela Davis, tourte mit missionarischem Eifer als Rednerin durch Europa, veröffentlichte Bücher mit Titeln wie »Nachtgesang«, »Blues in Schwarz-Weiß« oder »Grenzenlos und unverschämt«. Konsequent verfolgte sie ihr Ziel, auf die Diskriminierung Schwarzer in Deutschland aufmerksam zu machen. Nun sollen ein Straßenschild und eine Gedenktafel in der Nähe der Oberbaumbrücke an die Aktivistin erinnern.
Die Umwidmung des kleinen Sträßchens hat, im Gegensatz zur langen Diskussion um die Rudi-Dutschke-Straße, die einige aus den Reihen der christdemokratischen Politiker noch einmal zur verbalen Hochform eines Franz Joseph Strauß auflaufen ließ, keine bundesweiten Debatten ausgelöst. Doch ganz ohne Protest verlief die Taufe des Ufersträßchens nicht. Der Kolonial-Historiker Ulrich von der Heyden meldete sich zu Wort und warf der Umbenennungsinitiative »gröblichen Rufmord« vor. Der Leiter der Westafrikaexpedition, der auf dem afrikanischen Kontinent die brandenburgische Kolonie »Großfriedrichsburg« gegründet hatte, habe mit Sklavenhandel nichts zu tun gehabt und sei kein typischer Vertreter des Kolonialismus gewesen. Ein Kolumnist des Tagesspiegel schrieb von der »Entsorgung« des historischen Gedächtnisses und einem »Kollateralschaden«. Der »brandenburgische Kolonialoffizier« bekäme »posthum die Quittung dafür, dass er es um das Jahr 1700 herum versäumt« habe, »einer antirassistischen Initiative beizutreten«.

Wahrscheinlich sah auch Otto Friedrich von der Groeben sich nicht als Sklavenhändler. Er war nichts als ein treuer Diener des Großfürsten. Und sein kurfürstlicher Dienstherr tat nichts anderes als die Franzosen, Engländer oder Holländer des 17. Jahrhunderts auch: Sie ließen ihre Schiffe nach Afrika und Asien segeln, gründeten Kolonien und legten durch den Handel mit Elfenbein, Pfeffer, Gold und Sklaven den Grundstein zu Reichtum und Wohlstand im eigenen Land.
Otto Friedrich von der Groeben war kein Krieger, eher ein abenteuerlustiger Reisender, der schon in Jugendjahren nach Italien, Malta und Ägypten reiste. Womöglich deshalb betraute ihn Friedrich Wilhelm mit der Leitung der brandenburgischen Kolonialexpedition zur Küste Guineas. Sein Auftrag war die Gründung einer brandenburgischen Kolonie. Die beiden mit 32 Kanonen bestückten Schiffe erreichten im Dezember 1682 die ersehnte »Goldküste, und am »1. Januarii, Anno 1683« pflanzte Otto Friedrich von der Groeben die brandenburgische Flagge in den afrikanischen Sand und nannte die Kolonie »Großfriedrichsburg«. Auch einen nahe gelegenen Hügel taufte der Reisende und vermerkte dazu in seinem Tagebuch: »Und weil seiner Durchlaucht Nahme in aller Welt Groß ist, also nennete ich auch den Berg: Den Großen Friedrichsberg.«
Anschließend handelte der treue Diener des Fürsten Verträge mit den Einheimischen aus, bot ihnen Schutz bei Stammeskriegen an, verlangte dafür jedoch nicht wenige Frondienste sowie das alleinige Recht der Brandenburger, sich auf dem goldenen Landstrich am Atlantik anzusiedeln. So wurde »Fort Großfriedrichsburg« zu einem bedeutenden Warenumschlagsplatz, drei Jahrzehnte lang waren die 28 Schiffe der kurbrandenburgischen Marine ständig auf See, um Mittelamerika und Europa mit Exotischem für die Regale der Kolonialwarengeschäfte zu versorgen. Doch nicht nur Pfeffer, auch 30.000 Sklaven sollen vom Fort aus in alle Welt verschifft worden sein. Zu jener Zeit allerdings saß Otto Friedrich längst auf seinem Alterssitz in Brandenburg.

May Ayim hätte womöglich darüber lächeln können, zumindest auf dem Blechschild die Nachfolge eines einstigen Kolonialisten anzutreten. Womöglich aber hätte sie es auch als Sieg, oder zumindest als einen kleinen Schritt in die richtige Richtung verstanden. 1990 schrieb sie:

ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine schwestern sind
wo meine brüder stehen
wo unsere FREIHEIT
beginnt
ich werde
noch einen schritt weitergehen und
noch einen schritt
weiter
und wiederkehren

Sechs Jahre später sprang sie vom Rand eines Hochhauses in die FREIHEIT. Am 27. Mai 2009 kehrte sie zurück. •


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