Kreuzberger Chronik
April 2010 - Ausgabe 116

Geschichten & Geschichte

Olga Desmond


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von Werner von Westhafen
Fotos: Archiv AGB


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>Olga Desmond Sie kam aus Kreuzberg und sorgte für Aufregung in der ganzen Welt: Die erste Nackttänzerin Berlins.

Es gibt ein berühmtes Bild, da steht eine Tänzerin, nur mit einem Gürtel aus Bananen bekleidet, vor der Kamera. Es ist Josephine Baker, die 1926 im Nelson-Theater am Kurfürstendamm auftrat. Die Baker war jedoch nicht die erste, die sich beinahe hüllenlos auf die Bühne wagte. Fast zwanzig Jahre zuvor sorgte eine kleine Kreuzbergerin für Aufsehen.

Olga Antonie Sellin war etwa zehn Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihren 14 Geschwistern aus Allenstein in Ostpreußen ins heutige Kreuzberg und in eine Welt zog, in der es an Biergärten, Tanzsälen und Theatern nicht mangelte. Das junge Mädchen wollte zur Bühne, besuchte eine Schauspielschule und verdiente sich als Aktmodell bei den Berliner Malern ihr erstes Taschengeld. Wenig später engagierte der Bildhauer Reinhold Begas das hübsche Mädchen für eine Varieténummer, die »lebenden Marmor« auf die Bühne brachte. Unter der weißen Schminke der vermeintlichen Marmorstatue, die in ihren klassischen Posen die Antike symbolisierte, verbarg sich nichts anderes als der nackte Körper der sechzehnjährigen Olga Antonie.
Im gleichen Jahr schloss sie sich einer Artistengruppe an und reiste nach London, um als Venus aufzutreten und mit ihrem weißgefärbten Leib den Raub der Sarbinerinnen darzustellen. Als sie nach Berlin heimkehrte, nannte sie sich Olga Desmond und trat mit einem »Kraftsportler« im Duo auf. Jedesmal, wenn die Mimen ihre Stellung wechselten, fiel der Vorhang, denn nur die Bewegungslosigkeit der griechischen Statuen bewahrte ihre Darstellungen vor der Zensur.
Im Frühjahr des Jahres 1908 trat sie noch in kleinen Salons auf, am Ende des Sommers füllte sie bereits den Mozartsaal des Neuen Schauspielhauses. Die Medien schwärmten »vom Anblick des herrlichen Ebenmaßes ihrer Glieder«, und von der männlichen Kritik derart ermutigt, wagte sie eines Abends den Schleiertanz, und ersetzte schon wenig später den Schleier durch einen ebenso schmalen wie wagemutigen Metallgürtel. Die Eintrittskarten »gingen bei Wertheim wie warme Semmeln über die Theke«.

Doch die Desmond hatte bei ihren Malern zu lange stille halten müssen. Sie wollte sich bewegen, sie wollte tanzen. Den Journalisten sagte sie: »Wenn ich völlig nackt auf die Bühne hinausgehe, bin ich nicht beschämt; ich trete vor die Öffentlichkeit, wie ich bin.« Um sich von den leicht bekleideten Tänzerinnen rauchgeschwärzter Tabagien abzugrenzen, pries sie die Schönheit als »höchstes Kulturgut« und gründete mit ihren Fans eine Berliner »Vereinigung für ideale Kultur«. Sie pflegte einen guten Umgang, George Grosz, Schwitters oder der Verleger von Rainer Maria Remarque gehörten zu ihrem Freundeskreis. Die Desmond war eine Dame.
Auch Karl Vanselow, der »Esperanto Poet«, der schon zu Kaiserzeiten eine Art Lifestyle-Magazin mit dem Titel »Die Schönheit« herausgab, gehörte zu ihren Bekannten. Er engagierte die siebzehnjährige Aphrodite als »lebendes Bildwerk« für einen seiner Schönheitsabende. Anders als bei den Aufführungen zuvor begann das Bild sich zu bewegen. Die Desmond wollte beweisen, »dass selbst die weitgehendste Freiheit in der Darstellung des Edlen und Nackten« moralisch einwandfrei und reine Kunst sei. Die Besucher waren begeistert: »Als sie erschien, schwebte ein andächtiges Schweigen hernieder, und alle Zweifler verstummten«.

Dennoch wurde der Auftritt zum Skandal. Sogar die New York Times berichtete. Der Mozartsaal wurde für »gewerbliche Schaustellungen« gesperrt, da laut Paragraph 33a kein »höheres Kunstinteresse« vorliege. Vanselow mietete ihn daraufhin für eine geschlossene Gesellschaft und ließ die Nackte eigens für die Mitglieder des Landtages und die örtliche Polizeibehörde auftreten, damit diese sich ein freundlicheres Urteil bilden könnten. Und tatsächlich stellten die Herren zunächst einen »künstlerischen Anspruch« fest.
Allein die Zentrumspartei wollte sich der Schönheit nicht beugen. Der preußische Landtag musste zusammentreten, um über die Hüllenlosigkeit der Kreuzbergerin zu debattieren, und die Berliner Zeitung berichtete am folgenden Tag: » Ein würdiges Bild war es gerade nicht, was da das Haus der Abgeordneten bot, wie im Nu die Abgeordneten von ihren Sitzen aufsprangen, die Hälse reckten, mit den Fingern nach der Tribüne wiesen und sich um die wenigen Operngläser im Saale rissen...«, als die Desmond den Saal betrat.
Zwar untersagte der preußische Innenminister Friedrich von Moltke weitere Auftritte ohne Kostüm, doch fanden noch einige »unöffentliche« Vorstellungen vor geladenem Publikum statt. Auch im stets ausverkauften Wintergarten an der Potsdamer Straße trat die Tänzerin – hauchdünn bekleidet - noch mehrmals auf, dann kehrte sie den prüden Preußen den Rücken, um in Petersburg, Wien, London, New York Triumphe zu feiern.

Tatsächlich wurde aus der Kreuzberger Tänzerin tatsächlich noch jene Schauspielerin, die sie einst hatte werden wollen. Einer ihrer stummen Streifen trug den Titel: »Mut zur Sünde«. An ihrer Seite stand der große Hans Albers. Erst die Nazis beendeten die steile Karriere, ihr Mann wurde ins KZ deportiert, konnte jedoch ins Ausland fliehen. Sie selbst hielt Berlin und den Bühnen noch viele Jahre die Treue und führte eine Requisitenhandlung in der Nähe eines Theaters auch nach einem Selbstmordversuch fort. Am Ende ihres Lebens aber war die weltberühmte Tänzerin verarmt und vergessen. Sie arbeitete als Putzfrau und verkaufte nebenbei alte Postkarten. Postkarten mit Bildern von der berühmten Desmond. Die kleine Kreuzbergerin starb geistig verwirrt 1964 in einer kleinen Kellerwohnung nahe dem St. Hedwigskrankenhaus. •


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