Kreuzberger Chronik
April 2010 - Ausgabe 116

Essen, Trinken, Rauchen

Wirtin und Wirt vom L´assaggino


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von Hans W. Korfmann

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Danielo ist zwischen Tischen aufgewachsen. Seitdem er im Ristorante Masaniello immer tun musste, was die Großen sagten, träumte er davon, selbst einmal Chef oder Koch zu werden. Kochen wurde seine Leidenschaft. Kochen und Essen. Und Nadja natürlich.
Auch Nadja macht große Augen, wenn sie den Nachbarn erzählt, was sie gekocht haben. Sie schwärmt von den Grünen Tagliolini mit Kräutern und frischem Lachs in Hummersauce. Und wenn sie von den Rigatoni mit Salsiccia spricht, die Danielo wieder so köstlich zubereitet hat, dann reißt sie die Augen so weit auf, dass niemand weiß, ob sie gerade von Danielo oder von den Nudeln schwärmt.

Danielo grinst nur, wenn die Gäste begeistert nach dem Geheimnis der Tomatensoße fragen. Selten verrät er, dass man die richtigen Tomaten braucht, die zwei Stunden köcheln müssen. Und dass man Salsiccia nehmen muss, diese kleine Fenchelsalami. Dann beginnt die ordinäre Tomatensoße plötzlich zu duften. Die Gäste tippen dann auf Minze, Rosenblüten oder Zitronenkraut, sie beginnen zu rätseln.
Nicht nur die, die zum ersten Mal hier sind. Auch die, die täglich kommen. Die Nachbarn aus dem Haus, denen das Pärchen vom L´assaggino manchmal etwas Übriggebliebenes an die Haustür hängt; oder Rosi, die Hausherrin, die ein Jahr lang nach netten Mietern für ihr Ladengeschäft gesucht hatte. Und all die anderen Leute von nebenan, die glücklich sind, dass es jetzt dieses große Wohnzimmer in der Gneisenaustraße gibt, dieses kleine L´assaggino mit dem Stuck an der Decke, den kleinen Tischen, der großen Vitrine voller Antipasti und der mit Kreide geschriebenen Speisetafel. Alle rätseln noch hin und wieder, und sind froh über das kleine, feine Restaurant in ihrer Nähe.
»Danielo kocht zu Mittag und zu Abend. Immer alles ganz frisch! Am Abend gibt es Entrecote, Kalbsleber und gefüllte Truthahnröllchen...«, sagt Nadja, und ihre Augen sehen ganz hungrig aus.
Danielo tritt an den Tisch einer Lehrerin, legt die Hand auf den Rücken, knickt über der Hüfte leicht ein und füllt ein Glas mit Rotwein. Als die Verbeugung des Wirtes ihren tiefsten Punkt erreicht hat und das Ohr des Kochs ihrem Mund am nächsten ist, flüstert sie: »Sagen Sie, Ihre Tomaten, die schmecken ja schon so wie im Sommer? Wo haben Sie die denn her?« Danielo möchte schweigen, doch die Lehrerin ist wissbegierig. »Aus Italien«, sagt Danielo, »da muss ich immer sehr weit fahren«. - Die Lehrerin gibt nicht nach. »Ich fahre jedesmal zum Westhafen. Die gibt´s nur dort. Original italienische Datteltomaten. Schweineteuer. Aber darunter mache ich es nicht.«

Zehn Minuten später versucht die Lehrerin, auch noch das Rezept für den hausgemachten Apfelkuchen herauszufinden. Doch das ist nun wirklich ein Geheimnis, das der Wirt und die Wirtin des L´assaggino unbedingt für sich behalten müssen. •

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