Kreuzberger Chronik
Dez. 2009/Jan. 2010 - Ausgabe 113

Kreuzberger
Nicole Lechmann

Ich will selber nach vorne, aber ich tu auch was für Euch


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von Saskia Vogel

Titelfoto: Dieter Peters

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DASS JEDER Mensch von einem Schutzengel begleitet wird, glaubt Nicole Lechmann »ach doch, irgendwie schon«. Auch wenn sie den Glauben an »Gute-Energie-Geber« anfangs ziemlich kitschig fand. In ihrem Heimatdorf, irgendwo nahe dem Himmel, oben in den schweizerischen Alpen, gab es in der Nachbarschaft eine Frau, die hatte am heimischen Küchentisch die »Engel-Meditation« zelebriert. Zuerst fand Nicole es befremdlich, geistigen Kontakt zu Schutzengeln aufzunehmen, aber später dachte sie: »Wenn der Glaube an Engel gut tut, wieso dann eigentlich nicht?« Und wünschte sich auch einen Schutzengel an ihre Seite. »Und seitdem habe ich einen.«

Dieses Jahr wird Nicoles Schutzengel quer durch Berlin fliegen müssen, von der U-Bahn in die S-Bahn springen, von der S-Bahn in den Bus, wenn er seinem Schützling folgen möchte. Denn Nicole hat einen Job als Weihnachtsengel bei der Agentur »ANGELa – Engel in Berlin« angenommen und wird für einen anständigen Stundenlohn als Rauschgoldengel Kinderherzen auf Weihnachtsfeiern in ganz Berlin beglücken. Nicole ist ein »Newcomer« Engel und das erste Mal im Goldrausch unterwegs. »Eigentlich war ich ja schon immer ein Engel, aber jetzt bin ich im 'Angel-Bizz'.«
Einen Arbeitsplan hat der «Business-Angel« noch nicht. Niemand kann vorhersagen, wie oft man die Engel buchen wird, aber »höchstwahrscheinlich wird die Weihnachtszeit recht stressig werden.« Ist doch die Engelsaison kurz und intensiv. Von Ende November bis zum 24. Dezember wollen Horden von Kindern in ihren Tagesstätten, Spielgruppen und Horten besucht werden. Sie werden mit leuchtenden Augen vor Nicole stehen und die bange Frage stellen: Ist das wirklich ein echter Engel? »Ich bin sicher, die meisten werden glauben, dass ich direkt vom Himmel hinab auf Erden gestiegen bin«, sagt Nicole, die mit ihren glänzenden Locken einem Engel verdammt ähnlich sieht. Sie selbst jedenfalls hat in ihrem Kindheitsdorf lange an Engel, Weihnachtsmann und Christkind geglaubt. Berlin sei vielleicht anders. »Die Kinder der Großstadt werden wahrscheinlich ein bisschen früher entzaubert als die Dorfkinder im Kanton Luzern«.
Für Nicole und ihren kleinen Bruder dagegen waren die Engel noch Gestalten der Phantasie, diffuse Verwehungen in der Schneelandschaft, flüchtige Nebelerscheinungen im eisgeblümten Alpenwald. Und der Weihnachtsmann war ein strenger Mann mit einer Rute im Gepäck. »Weihnachtsengel aber sind weiblich und – deswegen identifiziere ich mich auch so gerne mit ihnen – immer gütig und sanft.« Mit der Rute drohen, das möchte Nicole nicht. »Engel sollen Balsam für die Kinderseele sein, weich, warm und nicht verletzend.«

Gewaltlosigkeit ist ihr wichtig. Vielleicht, weil sie am 20.12.1984 quasi schon als Christkind und als Friedensstifterin geboren wurde. Weil dort oben im verschneiten Udligenswil, irgendwo auf 700 Metern Höhe, die Welt noch friedlicher war. Weil die kleine Nicole am Heiligen Abend mit Mama, Papa und Bruder in den Wald ging und Kerzen an eine Tanne steckte und sang, bis die Dunkelheit hereinbrach. Weil sie danach zur Christmette und dem Krippenspiel in die Kirche gingen. Weil in der Weihnachtszeit Scherenschnitte von geflügelten Wesen in den Fenstern hingen, und weil die Mutter ihren kleinen Engeln jeden Tag eine Adventsgeschichte vorlas. Die Geschichten vom Hirten Simon zum Beispiel, der auszog, die Liebe in die Welt zu bringen. Der kleine Hirte wanderte von Dorf zu Dorf, auf dem Rücken trug er eine Laterne mit vielen leuchtenden Kerzen, die er verteilte an den Armen, den Alten, den Räuber, den Kranken und den Ausgestoßenen. Nun ist Nicole in Berlin, sie wird von Kreuzberg nach Charlottenburg fahren, von Köpenick nach Spandau, und als Gesandte von »Angelas Engelagentur« Kekse und Geschichten verteilen. An all die Johanns, Mustafas, Annas, Nemos, Mandys, Aïdas und Esmahans dieser Stadt. Nicole weiß, dass ihr ein Engel gegeben ist, »hinter mir, vor mir, manchmal auch neben mir«. Sie sei glücklich, ja, sie habe viel Glück gehabt und die nötige Kraft, um sich ihren ganz eigenen Weg durchs Leben zu bahnen.

Foto: Dieter Peters
Die verschneiten Alpen, die Engel und die Geschichten vom Hirten Simon spielten eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Doch Nicole ist mehr als nur ein Engel. Sie ist Schauspielerin. Eine Schauspielerin, die ihren Beruf liebt, und eine junge Frau, die weiter kommen möchte. Die »vielleicht sogar ein bisschen ehrgeizig« ist, und die einmal in der Film-oder Fernsehbranche ihr Geld verdienen möchte. Deshalb ist sie nach Berlin gekommen, die junge Frau, die im Ohr perlmuttfarbige Ohrringe trägt und »super soft« Taschentücher in rosa Verpackung in der Manteltasche hat, und die zugibt, die Aufmerksamkeit anderer zu genießen und gerne vor der Kamera zu stehen. Und die sagt: »Ich will zwar selber auch nach vorne, aber ich mach auch was für Euch.«

Zum Beispiel, als sie in der Schweiz einen Theaterworkshop für Kinder leitete. Da habe »es gestimmt«, da habe sie Herz und Beruf, die Schauspielerei und ihr soziales Anliegen miteinander vereinen können. Die Schauspielerin müsse dem Engel nicht im Wege stehen, ganz im Gegenteil: Nicole hat in Serbien für das Rote Kreuz gearbeitet und mit
Behinderten in der Schweiz Theater gespielt.
Nein, kein Zweifel, Nicole muss ein echter Engel sein. Wie sonst kann es passieren, dass sie nicht in Winterdepressionen verfiel, als sie ausgerechnet im Januar, in dieser lichtlosen Zeit, aus der verschneiten Schweiz nach Kreuzberg zog. Während andere Neuankömmlinge in der Stadt wochenlang einsam durch die Straßen streifen, hat Nicole sofort Vertraute gefunden und wohnte schon bald in einer Kreuzberger WG. Als die Winterkälte dem Frühjahr wich, fragte sie im neuen Freundeskreis nach einer günstigen Wohnung, und zog schon wenig später um. Jetzt wohnt ein Engel am Mehringdamm, in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern, hohen Decken und einem Kachelofen – ganz so wie ein alter Hinterhof-Kreuzberger. »Die Ofenwärme ist gemütlich«, nur das Kohlenschleppen ist der Hammer. Schnell faltet sie die Hände zum Gebet und wirft einen Blick hinauf in den Himmel: »Und bitte, bitte lass mich ein wenig Glück haben und dieses Jahr den Winter milde werden.«

Ihr Wunsch wird wahrscheinlich in Erfüllung gehen. Trotzdem wird Nicole zur Adventszeit das Sofa ganz dicht an den Ofen schieben und es sich mit knisternden Holzscheiten im Rücken und Spekulatius auf dem Tellerchen gemütlich machen. Engel lieben die Besinnlichkeit. Besinnlichkeit ist Glück. Und wenn Nicole die Kinder ein wenig besinnlicher und ein bisschen glücklicher macht, dann wird auch sie selbst ein bisschen besinnlich. Und noch ein kleines bisschen glücklicher.
»Ich brauche nur in mein langes, weißes Kleid zu schlüpfen, die weißen Stiefel anzuziehen und mir ein paar Glitzersternchen ins Gesicht zu malen, dann bin ich glücklich. Dann bin ich automatisch Engel.« Und wenn dann ein Kind an ihrem Rockzipfel zieht und sagt: »Du bist ja gar nicht eeee...cht …. du bist ja gar kein Engel....«, dann bringt das Nicole nicht ins Wanken. Dann lacht der Engel so hell und schallend, wie nur echte Engel lachen können.
Nur um das geliebte Weihnachtskleid sorgt sich der Engel vom Mehringdamm. Wie wird sich das blütenweiße Kostüm mit dem ewigen Ruß vom Mehringdamm vertragen? Und wie soll der weiße Engel unbefleckt durch all die verregneten Hinterhöfe zu den in der ganzen Stadt verteilten Auftrittsorten kommen? Die Winterjacke über das Engelskleid und rein in die U-Bahn? Alles in einen Koffer packen und im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses umziehen?
Oder soll sie einfach bleiben, was sie ist? Ein Engel. Und im weißen Kleid über den Mehringdamm laufen. Damit hätte sie »überhaupt kein Problem«, Kreuzberg sei ohnehin voller Verrückter, da fiele sie kaum auf. Und die Engelsflügel? Die würde sie auch dranlassen, diese seidenweichen Schwingen aus echten Federn, die sie wie einen Rucksack trägt. Und mit denen sie so manchen Fahrgast in der U-Bahn unfreiwillig kitzeln wird.
Weihnachtsgeschichten und Kinderbücher hat Nicole schon viele beim Kachelofen liegen. Sie hat umfangreich in den Bibliotheken recherchiert. Ihre liebste Geschichte ist die vom kleinen Tannenbaum, und die geht so: Ein kleiner Tannenbaum steht im Wald, und er wünscht sich nichts so sehr, wie ein prächtiger Weihnachtsbaum mit viel Gold und Licht und Schmuck zu werden. Und weil er so traurig ist, kommen die Tiere in den Wald und bringen Kerzen und Gefunkel mit und feiern um ihn herum ein prächtiges Fest.
Und der Tannenbaum ist glücklich und strahlt. Strahlt genauso so wie ein Engel, wenn er am Heiligen Abend vor die Kinder tritt und in ihre leuchtenden Augen blickt. •


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