Kreuzberger Chronik
Mai 2023 - Ausgabe 249

Briefwechsel

Immer mehr Ausländer


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von Robert Scheffler

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Sehr geehrte Redaktionsmitglieder

Ich lese ihr Heftchen seit Jahren mit Interesse, insbesondere den historischen Teil über Straßen und Geschichten aus dem alten Kreuzberg. Auch die Geschichten über alte Kreuzberger lese ich gerne. Einige von ihnen kannte ich sogar.

Aber mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit immer mehr Ausländer auf der Titelseite zu sehen sind. Im November eine türkische Frisöse, im Dezember ein Ali, im Februar ein türkischer Zeichner, und im April sogar eine Frau mit Kopftuch. Wenn es so weitergeht, erscheint die Chronik künftig wahrscheinlich nur noch auf Türkisch. Mal im Ernst: Gibt es keine echten Kreuzberger mehr in unserem Viertel? Ich hoffe, diese Frage ist noch erlaubt.

Robert Scheffler

Sehr geehrter Herr Scheffler

Wir haben nicht erst in jüngster Zeit ein besonderes Augenmerk auf die Einwanderer in dieser Stadt gelegt, sondern von Anfang an die Aufgabe dieser Publikation auch darin gesehen, einen Querschnitt der Kreuzberger Bevölkerung abzubilden. Wir haben bereits Chinesen, Iraner, Italiener, Griechen, Spanier, Tunesier, Franzosen, Inder, Australier… porträtiert - die Liste der Nationalitäten ist lang und wir sind stolz auf sie. Sie spiegelt die Anziehungskraft Kreuzbergs wieder.

Da neben uns Deutschen in den letzten Jahrzehnten vor allem Türken und Araber unser Viertel nachhaltig geprägt und zu dem gemacht haben, was es heute ist, dürfen sie in der Chronik eines Stadtteils nicht fehlen. Ihre Befürchtung, dass wir künftig nur noch Türkinnen und Türken vorstellen, ist unberechtigt. Sie waren schon immer dabei.

Auch in anderen Punkten irren Sie: Ali aus dem Dezemberheft ist kein Türke, sondern Deutscher, dessen Vater Marokkaner war. Auch Ihre Vorstellung vom echten Kreuzberger ist falsch. Halime Karademirli, deren interessante Geschichte Sie in diesem Heft nachlesen könnten und sollten, kam in den Siebzigerjahren aus der Türkei nach Berlin und ist nach unserem Verständnis eine »echte Kreuzbergerin«. Sie ist wahrscheinlich echter als jene Neuzugänge aus dem alten Westdeutschland, die erst nach dem Fall der Mauer in die Stadt immigrierten.

Was Ihre Bemerkung über das erste Kopftuch auf unseren Titelseiten angeht, so halten wir diese für den Ausdruck einer ernstzunehmenden Xenophobie. Davon ab, dass Kopfbedeckungen für Köche in Restaurants vorgeschrieben sind, leben wir schon lange in einer Stadt, in der Turbane, Kopftücher, Stirnbänder, Rastalocken, Basecaps und Kippas zum Straßenbild gehören. Zur Therapie Ihrer Phobie empfehlen wir Ihnen das regelmäßige Lesen dieses Heftes, das Ihnen ab und zu auch fremde Kulturen ein Stückchen näherbringen könnte. d. R.


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