Kreuzberger Chronik
Mai 2023 - Ausgabe 249

Geschäfte

Needles & Pins


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von Petra Lose

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Die interessanten Geschäfte liegen im Souterrain. Weil dort die Mieten am günstigsten sind. Und weil Leute mit neuen Ideen oft kein Geld haben. Später, wenn sie erfolgreich sind mit ihrer Idee, machen es die anderen nach. Und dann ist es auch schon uninteressant.

Deshalb liegen die schönsten Läden immer im Souterrain. So auch in der Solmsstraße. Da war früher die Werkstatt des Drechslers, der tagelang an seinen Kegeln, Kugeln und Traljen schliff, bis sie glänzten wie Kunstwerke. Da waren Karl Schlarbs Puppenatelier und nebenan das Strick-Kurzwaren-Schneidergeschäft von Carla Steinborn. 2012 war sie dort eingezogen, obwohl das Haus gerade verkauft worden war. Sie war »zu optimistisch«, die Mieten stiegen rasant. Also wechselte sie ins Souterrain auf die andere Straßenseite.

So konnte ihr die Kundschaft mit Leichtigkeit treu bleiben. »Ich freue mich so, dass Sie hier sind«, sagt eine Dame mit seidigem und weißem Haar. »Da muss ich nicht immer gleich zu Lalaine nach Charlottenburg fahren. Hier bin ich in zehn Minuten zu Fuß!« Die Kundin ist eine der letzten Mieterinnen aus Riehmers Hofgarten. Eine Viertelstunde ist sie im hinteren Raum verschwunden, dann taucht sie wieder auf, sechs oder sieben verschiedenfarbige und verschieden große Wollknäuel auf dem angewinkelten Arm tragend, als handele es sich um ein schlafendes Baby.

Needles & Pins heißt der Laden. So wie dieses Lied, das in den Siebzigern die Hitparaden stürmte, und das die weißhaarige Kundin noch mitsingen könnte. Aber nicht alle, die hier die Treppen ins Souterrain hinuntersteigen, um Wolle, eine Nadel oder ein Maßband zu kaufen, sind alte Damen. Es kommen auch junge Damen. Damen, die vielleicht einen einzigen Schal im Leben gestrickt haben. »Ich brauche ein bisschen schwarze Wolle, um ein Loch zu stopfen.«, sagt eine. »Und dann brauche ich Nadeln, die vorne rund sind. Ich möchte den ersten Pulli meines Lebens stricken und bin völlig ratlos.«

Natürlich weiß Carla Steinborn Rat. Sie ist Schneiderin, war Modedesignerin und Produktmanagerin und unterrichtete an der »internationalen Kunsthochschule für Mode« in der Görlitzer Straße. Vor allem aber fing sie schon als Teenie an zu stricken. Als Needles & Pins noch in der Hitparade war, waren sie alle auf dem Weg zurück zur Natur. Sie hatten die Nase voll von Stangenware und Synthetiks. Sogar die Männer begannen zu stricken. In der Zeitschriftenecke des Souterrains steht zwischen unzähligen Mode- und Strickzeitschriften in allen möglichen Sprachen ein Buch, das zeigt auf seinem Einband einen waschechten Cowboy mit Hut und Colt und allem drum und dran, der auf seinem Pferd im Sattel sitzt und strickt!

Diese Zeiten sind vorbei. Männer sind selten im Souterrain. Aber das Stricken ist, nach einer längeren Durststrecke Anfang des Jahrhunderts, wieder in Mode. Und da Carla Steinborn keine Lust hatte, ein Leben lang Lehrerin zu sein, nahm sie die Stricknadeln wieder zur Hand. Und entwarf und schuf Mode aus Wolle.

Und machte einen Wollladen auf. Da hängen nun Wollzöpfe in allen Farben, Wollknäuel in allen Größen und Stärken, von der robusten Sockenwolle mit bis zu acht Faden Stärke bis zur einfädigen Wolle für leichte Sommerpullover. Es gibt die Winterwolle aus Mohair, Alpaka, Schaf und Kaschmir und für den Sommer die Baumwolle. Es gibt die kratzige, die kuschlige und die seidenweiche. Die lockere und die feste. Die gewöhnliche und die außergewöhnliche. Und dann die aus Italien, Lana grossa zum Beispiel… - »In Italien sind die letzten kreativen Spinnereien.« Wolle - das wird langsam klar - ist mehr als nur das gesponnene Haar eines Tieres. Wolle ist eine Leidenschaft, eine Wissenschaft. Und Carla Steinborn ist die Wissenschaftlerin, sie kennt den Unterschied zwischen der »deutschen oder kontinentalen Stricktechnik mit beiden Händen an der Nadel« und der interkontinentalen mit einer Hand.

Doch nicht alle kommen der Wolle wegen. Einige kommen wegen der Kurzwaren-Ecke mit den Nadeln, Fingerhüten, Gummibändern…. Mütter suchen einen lächelnden Smiley-Knopf fürs Kind, Kinder das Bastelgarn für die Kita, Frauen eine Zopfmusternadel, Männer ein Querband zum Einfassen der alten Kamelhaardecke. »Was? Sie haben tatsächlich diese Bänder!«, ruft der Mann. »Mir haben alle gesagt, so etwas gäbe es nicht mehr.«

Donnerstags unterrichtet die Schneiderin noch ein bisschen. Da ist die offizielle »Stricksprechstunde« für Sorgenkinder. Da kommen die, die die Anleitung nicht verstehen oder die fertigen Teile nicht zusammennähen können. Oder sie bringen einen uralten Pullover mit, der noch von der Großmutter ist und längst auseinanderfällt. »Genau so einen möchte ich noch mal stricken!« Oder sie kommen, weil sie sich auf einer Fotoausstellung in das Bild einer Frau in einem Pullover verliebt haben. Und den wollen sie nun auch. »Oder sie sehen irgendwas im Internet und zeigen mir dann das Bild auf dem Handy. Das war früher anders. Da kam man herein, sah sich die verschiedene Wolle an, und dann überlegte man, was man damit machen könnte.«

Gemein haben die jungen Strickerinnen von damals und heute die Freunde am Selbermachen. Und die Älteren stricken schon aus Gewohnheit: Socken zu Weihnachten, Mützen für die Enkel, einen Schal für den Opa. Und zur Entspannung: »Für mich«, meinte kürzlich eine Kundin, »ist das vor allem eine meditative Angelegenheit.« •


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