Kreuzberger Chronik
März 2023 - Ausgabe 247

Mühlenhaupts Erinnerungen

Märchen will sterben


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von Kurt Mühlenhaupt

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Er hat uns Allzeit beschäftigt, weil er uns als Zuhörer brauchte. Um im Mittelpunkt zu stehen, zog jedes Mal eine Show ab. Weil aber keiner mehr seine Geschichten anhören wollte, kündigte er eines Tages an, dass er öffentlich sterben will. Er rechnete wohl damit, dass wir rumjammern und Klagelieder anstimmen würden. Aber nichts dergleichen geschah. Keiner hielt ihn davon ab. Als Kulisse wählte er sich eine Kneipe in Kreuzberg, die immer noch dem Sklarek gehörte. Sklarek war einer der beiden Brüder, die in den zwanziger Jahren in der Bülowstraße eine Bank ausraubten. Sie stellten auf der Straße ein Zelt auf, buddelten sich bis zum Keller der Bank vor und knackten den Tresor. Einen kleinen Teil des Geldes hat Sklarek irgendwie retten können. So betrieb er mehrere Gastwirtschaften, die er zur Tarnung von seinen Frauen führen ließ.

Wir saßen also alle bei Sklarek, der Saal war knüppelvoll. Märchen spielte auf seiner Mandoline. Dann ließ er eine Badewanne holen und füllte sie voll Wasser. Nun zog er sich nackt aus, setzte sich rein, schaufelte mit den Händen Wellen und plätscherte dazu.

Dann richtete er sich auf, so wie er geschaffen war, und sagte: »Seht her! Ich bin neugeboren. Und wer neu geboren ist, kann nur von den Toten auferstanden sein.«

Dazu lachte er laut mit meckernder Stimme. Er hatte es wieder einmal geschafft, seine Taschen zu füllen und uns dabei verarscht. Wir waren am Ende natürlich froh, daß alles so gut über die Runden ging. Es blieb nur die Sorge, daß er heil und ohne Schnupfen wieder nach Hause kam. Andererseits war er abgehärtet, denn irgendwie trieb er überall ähnlich seine Possen, um satt zu werden.

Entnommen aus Kurt Mühlenhaupts autobiographischem Werk in 11 Bänden, erhältlich im Kurt Mühlenhaupt Museum, Fidicinstraße 40


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