Kreuzberger Chronik
September 2022 - Ausgabe 242

Herr D.

Der Herr D. und die Hausierer


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. konnte sich noch gut erinnern an die gebückten Gestalten, die sich auf Krücken bis in den vierten Stock hinaufgeschleppt hatten und seiner Mutter einen kleinen grauen Karton hinhielten: Den Kriegsversehrtenausweis. Wenn seine Mutter gut gelaunt war, dann gab sie ihnen etwas, andernfalls sagte sie, sie habe nichts. Der kleine Herr D., der sich hinter seiner Mutter versteckt hatte, weil ihm die verkommenen Gestalten nicht ganz geheuer waren, war enttäuscht, wenn seine liebe Mutter plötzlich unlieb wurde. Sie hatte, das wusste er, immer etwas Kleingeld in Küchenschublade. »Das sind doch Faulenzer. Die sollen arbeiten. Es gibt Arbeit genug!«, verteidigte sie sich.

Fünfzig Jahre nach dem Krieg waren die blechernen Hinweisschilder, auf denen das »Betteln und Hausieren verboten« wurde, aus den Treppenhäusern und von den Haustüren verschwunden. Die Bettler des 21. Jahrhunderts campten auf der Straße, saßen im Lotussitz auf dem Pflaster und stellten wortlos einen Pappbecher vor sich hin für das Kleingeld der Passanten. Manchmal flanierten sie an Restaurants und Cafés vorüber und bettelten die Gäste an, bis Wirte und Kellner sie vertrieben. Aber in die Häuser kamen sie nicht mehr. Auch die Staubsauger- und Versicherungsvertreter klingelten schon lange nicht mehr an der Haustür, es war überhaupt seltener geworden, dass jemand einfach klingelte. Selbst Freunde kamen nicht mehr ohne telefonische Voranmeldung.

Vor zwei oder drei Jahren aber klingelte es doch einmal. Vor seiner Wohnungstür stand der Vertreter einer Telefonfirma. Der junge Mann mit dem Ohrring berichtete, dass neue Leitungen verlegt würden, damit er künftig noch schneller im Internet surfen könne. Dazu aber müsse er einen neuen Vertrag mit seiner Firma abschließen.

Dem Herrn D. reichte die Geschwindigkeit, im Gegenteil, er war auf der Suche nach mehr Langsamkeit. Einige Wochen später fiel ihm auf, dass die Verbindung zum Internet öfter abbrach. Plötzlich verstummte sein Radiosender und im Fernsehen blieben die Fußbälle just im Anflug auf das Tor in der Luft stehen.

Kürzlich stand der junge Mann mit dem Ohrring wieder vor der Tür. Er habe gehört, es gebe Probleme im Haus mit der Internetverbindung. Das liege an der Leitung. Ein neuer Vertrag mit seiner Firma könne Abhilfe schaffen. Der Herr D. lachte. »Das ist, als würde ein Klempner eine neue Wasserleitung legen, dann ein Loch in die alte Leitung bohren, um anschließend die neue zu verkaufen.«

Der Herr D. gab täglich seinen Obulus auf der Straße ab, aber für hausierende Telefonkonzerne hatte er nichts übrig. Obwohl ihm der junge Klinkenputzer mit dem Ohrring leid tat, als er hörte, wie er vergeblich bei der Nachbarin klingelte.


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