Kreuzberger Chronik
Mai 2022 - Ausgabe 239

Strassen, Häuser, Höfe

Tauts Filmpalast


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von Werner von Westhafen

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Es ist das größte Miethaus am Damm zwischen der Kottbusser Brücke und der Hasenheide. Nur das kapitale Kaufhaus auf dem Hermannplatz am südlichen Ende der langen Gerade ist höher. Das Haus mit den Nummern 2 und 3 ist aber nicht nur groß, es ist auch in seinem Baustil das herausragendste und auffälligste des ganzen Boulevards.

Und doch fällt es niemandem auf. Der Kottbusser Damm ist nicht Unter den Linden. Niemand erwartet hier ein solches Gebäude, niemand tritt zurück und lässt den Blick von den Werbeplakaten des Biomarktes und der Apotheke oder vom kreisenden Dönerspieß hinauf wandern zu den Mauern und Fassaden des Bauwerks, zumal auch dort weder Stuck noch Karyatiden oder logenartige Balkone die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen. Kaum jemand registriert über den prosaisch-nüchternen, rechteckigen Fenstern der Geschäftsauslagen die gewaltigen Bogenfenster, die auf eine größere Vergangenheit als die eines Lebensmittelgeschäftes schließen lassen. Und kaum ein Spaziergänger bemerkt vor so viel Omnipotenz alltäglicher Banalitäten, dass hier kein Billigbau aus Fließbeton, kein übereilt geschaffenes Nachkriegsquartier steht, sondern das Werk eines berühmten Architekten. Eines Mannes, der im Nachbarviertel ein Quartier schuf, das schon vor vielen Jahren als Hufeisensiedlung in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Das Haus am Kottbusser Damm war eines der ersten des Architekten Bruno Taut. Das Büro des Bauunternehmers Vogdt, der das Grundstück mit den Nummern 2/3 an der Kottbusser Brücke Anfang des Jahrhunderts erworben hatte, lag am Alexanderplatz, ganz in der Nähe des Büros von Taut & Hoffmann. Bauherr und Architekten kannten sich.

Taut liebte die Geradlinigkeit. Die Schnörkel der Gründerzeit waren ihm suspekt, der Protz mit »geborgten historischen Bauformen« behagte ihm nicht. Er wollte etwas Neues schaffen, eine Ästhetik des modernen Zeitalters. Er wollte, nach eigenen Worten, »die einfachen Bedürfnisse klar und unumwunden befriedigen und allein damit ohne besondere architektonische Scherze zum Gefühl sprechen.« Es ging ihm um »eine wohnliche Architektur«, keine selbstverliebte Baukunst.

Schon die Gestaltung der Fassade spiegelte die unterschiedlichen Nutzungsbereiche der verschiedenen Gebäudeteile wider. Mit dunklen Klinkersteinen verkleidete Taut das Erdgeschoss mit den vier großen, sich über zwei Etagen erstreckenden Eingangsportalen für das geplante Filmtheater mit rundumlaufender Loge und Plätzen für 500 Zuschauer. Auch die Fassade der daneben liegenden Geschäftsbereiche und des Zwischengeschosses mit den Büroflächen bestanden aus dunklen Klinkern, während die darüber liegenden drei Etagen mit den großzügigen Wohnungen, den runden Erkern und Balkonen in hellstem Weiß erstahlten, unterbrochen nur durch einige schlanke Zierlinien aus schwarzen Klinkern.

Als im Sommer 1910, im Jahr der Fertigstellung, die Premiere des »Kinematographentheaters am Kottbusser Damm« stattfand, schrieben die Zeitungen nicht nur über den Film, sie schrieben auch über die Vorhalle mit den Kassen, den Toiletten, der Bar, den »prunkvollen Treppen« zu den besseren Rängen und der schmuckvollen Decke des Kinosaales. Sie beschrieben das Haus.

1917 wurde aus dem Kinematographen der »Eden-Palast«, in dem 1927 ein Film mit der berühmten dänischen Schauspielerin Asta Nielsen gezeigt wurde. »Das gefährliche Alter« erzählte auf einem 2895 Meter langen Zelluloidstreifen die Geschichte des Seitensprunges einer älteren Frau mit einem jungen Studenten und war demzufolge auch »nicht jugendfrei«. Dennoch wurde der auf dem Kottbusser Damm gezeigte Stummfilm laut UFA zum »Straßenfeger«. Für die musikalische Unterstützung sorgten bis 1931 fünf Musiker im »Orchestergraben«, dann ersetzte ein Projektionsapparat von Zeiss-Ikon die kleine Kino-Kapelle: Der Tonfilm hielt Einzug am Kottbusser Damm.

Der Krieg verschonte das Kino nicht. Immer wieder störte Fliegeralarm die Aufführungen, die Besucher flohen in Richtung Fichtebunker. 1942 traf tatsächlich eine Bombe den Filmpalast, doch um die lebensmüden Berliner in der zerstörten Stadt bei Laune zu halten, wurde das Kino in der Ruine notdürftig wieder hergerichtet und erneut in Betrieb genommen. Nach und nach eröffneten im Erdgeschoss weitere Geschäfte. 1953 aber war es mit den Filmen und den Geschäften im Erdgeschoss endgültig vorbei, zehn Jahre lang stand das einsturzgefährdete Tauthaus leer, und die Fassade des einst strahlenden Kinohauses wurde zum rußgeschwärzten Mahnmal.

1978 sollte der Schandfleck endgültig beseitigt werden, »die Kunsthistoriker schrieben bereits an einem Nachruf«, wie Lutz Röhrig auf seiner Internetseite Zeit-fuer-Berlin schreibt. Doch das Berliner Architekten-Ehepaar Baller erhob Einspruch und legte einen Entwurf vor, der bei der Errichtung des neuen Wohnhauses die Erhaltung der historischen Fassade vorsah. Die Ballers erhielten den Zuschlag.

Und so hätten Spaziergänger auf dem Kottbusser Damm – wenn sie ihre Blicke von den Werbeangeboten an Wänden und Schaufenstern ablenken und einen Schritt zurücktreten könnten, um das Haus in seiner Gänze zu betrachten – auch heute noch die Möglichkeit, eines der interessantesten Gebäude Berlins zu bewundern. •

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