Kreuzberger Chronik
Mai 2022 - Ausgabe 239

Geschichten & Geschichte

Gründung des Ökomarktes


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von Lisa Seelig

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Bauern auf dem Chamissoplatz

Grün war einmal die Farbe der Hoffnung. In den Siebzigerjahren begann man, den Fortschritt in Frage zu stellen, man wollte am Rad der Zeit drehen und zurück zur Natur. Eine Partei der Grünen wurde gegründet, die unbedingten Frieden und eine schonende Umweltpolitik in ihr Programm schrieb. Food-Coops wurden gegründet, Genossenschaften, die von den Erzeugern direkt kauften und damit die Supermärkte ärgerten. Unter ihnen auch die Food Coop in der Bergmannstraße, die mehrmals wöchentlich vom Rübenexpress mit frischem Obst und Gemüse aus dem Wendland beliefert wurde. Es sollte sich etwas ändern in einer Welt, in der die trüben Flüsse zu stinken und Menschen an neuartigen Krankheiten zu leiden begannen, die schwer zu heilen waren.

Es eröffneten die ersten Naturkostläden mit Waren aus von Pestiziden verschonten Anbaugebieten und verkauften schrumpelige Möhrchen und staubgraue Kartöffelchen. In der Hedemannstraße, jenseits des Kanals, gab es einen Bioladen namens Immergrün, südlich der Wasserstraße hießen sie Mandala und Natürlich. Sie waren die Pioniere. Trittbrettfahrer wie AlNatura & Co brauchten nur noch auf die fahrenden Züge aufzuspringen. Auch für die Gründung eines Ökomarktes war die Zeit günstig, und wahrscheinlich hätte ein anderer womöglich an anderer Stelle einen Biomarkt eröffnet - wenn nicht Franziska Blöcker zur Tat geschritten wäre.

Die hatte nach fünf Jahren als Dozentin für Gesundheitsberufe im Urbankrankenhaus allmählich genug von Antibiotika & Co. Sie kündigte und besuchte für ein Jahr das Forum Berufsbildung, ein inzwischen staatlich anerkanntes Weiterbildungsinstitut mit einem Schwerpunkt auf Themen wie Nachhaltigkeit und Naturkost. »Nach einem Jahr wusste ich alles, was man wissen muss, um einen Naturkostladen zu eröffnen. Es hätte auch genug Kundschaft für einen vierten Bioladen in Kreuzberg gegeben, aber ich hatte keine Lust, ein Geschäft aufzumachen.«

Stattdessen trat Franziska Blöcker eine ABM-Stelle als Ernährungsberaterin bei Andreas Steinert im Nachbarschaftsladen am Marheinekeplatz an, einem Treffpunkt der Kreuzberger Alternativen, an dem Obdachlose, Studenten und Hausbesetzer friedlich kooperierten. Und dann entdeckte sie Berlins ersten Biomarkt auf dem Weddinger Leopoldplatz. Die Frau, die diesen Markt leitete, hatte lauter gute Ratschläge für die Kreuzbergerin, unter anderem diesen: »Bloß nicht auf die grüne Wiese. Du musst mitten in die Stadt hinein.«

Franziska Blöcker hatte einen schönen Platz mitten in der Stadt gleich vor ihrer Haustür: Den Chamissoplatz, eingefasst von vier kleinen Pflastersteinstraßen mit einem Spielplatz unter Bäumen in der Mitte und einem historisch-grün gestrichenem Pissoir am Rand, das die Anwohner schon seit ewigen Zeiten Café Achteck nannten. Also entwarf sie ein Konzept, schickte es an das Wirtschaftsamt im Kreuzberger Rathaus und wartete ein Jahr auf Antwort. Erfolgreich. Dann kratzte sie ihre Ersparnisse zusammen, händigte dem Straßenbauamt, der Polizei und der Versicherung Teile ihres Ersparten aus und gründete ein Unternehmen mit dem eingetragenen Namen »Ökomarkt Chamissoplatz.«

Am Samstag, den 3. April des Jahres 1993 erschien die Leiterin des Wirtschaftsamtes morgens um sechs persönlich, um die Lage vor Ort zu inspizieren. »Es mussten ja Straßen abgesperrt und Autos abgeschleppt werden – und damit machten wir uns echt Feinde damals.« Nicht nur unter den Autofahrern, die ihre Parkplätze verloren, sondern offensichtlich auch unter den Hundebesitzern, die ihre Köter gerne abends noch mal ordentlich auf die Marktstraße kacken ließen. Franzsika Blöcker hielt dennoch eine gutgelaunte Rede und begrüßte freudig Bauern und Händler, die mit ihren Wagen aus dem Umland angereist waren.

Ein Jahr später wurde der Markt offiziell eröffnet und sorgte - den Autofahrern und Hundebesitzern zum Trotz -jeden Samstag zwischen 6 und 16 Uhr für abgesperrte Straßen. Die meisten Bewohner begrüßten den Markt mit frischem Gemüse, bunten Blumen und Biofleisch vor ihrer Haustür. Manne, der Wirt vom Heidelberger Krug, spendierte den Markthelfern Milchkaffee und sagte zu Franzsika: »Ihr braucht keine Dixi-Toiletten aufzustellen, ihr könnt meine Toiletten benutzen.« Die Kooperation funktionierte gut, und Manne, der sein Geschäft eigentlich zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens machte, ergänzte seine Speisekarte um Croissants und ein kleines Frühstücksangebot. Am späteren Nachmittag saßen die Markthändler bei ihm, tranken ihr Feierabendbier und machten ihre Abrechnungen. Weil sich bald alle kannten, kam es vor, dass morgens um sechs, wenn die letzten Gäste aus dem Krug torkelten, der eine oder andere Franziska Blöcker beim Aufstellen der schweren Straßenschilder half.

Mannes Kaffee für die Marktleute »war eigentlich als Nachbarschaftshilfe gedacht«, doch bald saßen an schönen Tagen, wenn die Sonne auf die Alt-Berliner Kneipe schien, nicht nur die Markthändler, sondern auch die Besucher des Marktes vor dem Krug und aßen eine unbiologische Weißwurscht.

Inzwischen hat Manne den Krug längst abgegeben, die Frühlingssonne wärmt die Fassade umsonst. Franziska Blöcker kommt jetzt nur noch zum Einkaufen auf den Markt und um mit den Händlern über alte Zeiten zu plaudern. Viele von damals sind noch heute da, Szilleweit zum Beispiel, Apfeltraum oder Schafgarbe. Auch die Kunden von damals sind dem Markt treu geblieben. Und natürlich Harald, genannt Vossi, den die Gründerin noch vom Nachbarschaftsladen am Marheinekeplatz her kennt. Der ist jetzt der Leiter des Ökomarktes. •


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