Kreuzberger Chronik
Mai 2022 - Ausgabe 239

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kommunikation und Kohlrabi


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von Edith Siepmann

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Ein samstäglicher Spaziergang.

Endlich wieder blauer Himmel. Wieder raus aus dem Haus ohne Mütze und Schal und gekrümmten Rücken nach diesem elend langen, dunklen Winter. Wieder zufällig Bekannte treffen, Kaffee draußen trinken. Sind alle so alt geworden! Das Virus, das untätige Warten, der nahe Krieg, das starre Alleinsein fordern ihren Tribut. Ob da draußen noch alles wie früher ist?

Der Chamissoplatz ist das Herz des Kiezes und pocht im samstäglichen Marktrhythmus, die Holzstände und Verkaufswägelchen mit Brot und Quark und Gemüse und Fleisch und Blumenstrauß warten auf ihre Altkreuzberger. Das Bühnenbild stimmt noch, also Vorhang auf: das Markttheater kann beginnen.

Beate eröffnet am zugigen Hang nahe der Willibald-Alexis-Straße den Reigen der Händlerinnen und Händler. Seit 24 Jahren bietet sie das, was sie mit ihrem Mann in Teltow anbaut, den Städtern an und bringt einen herzlich-direkten Ton in den oft umständlich kommunizierenden Altstudenten-Kiez: »Meine Kunden sind sehr anhänglich, det find ick jut!« Auf vier Berliner Märkten verkauft sie Wirsing-, Rot, Grün-, Schwarz-, Weiß-, Spitz- und Rosenkohl, sowie Äpfel und Kartoffeln und bald wieder ihre berühmteste Delikatesse: die Teltower Rübchen. Feinschmecker wie Goethe und Kant ließen sie sich liefern, in Berlin gibt es sie gleich um die Ecke. Die vielfarbigen Knollen und Wurzeln und Stängel haben die Schönheit eines Stilllebens.

Beate gefällt die familiäre Atmosphäre des Marktes, »aber vor Corona konnte man mehr schnattern, man hatte mehr Kontakt zu den anderen.« Die Distanz zwischen den Ständen nervt sie. »Der Abstand macht det Flair futsch.« Sie hofft, dass man bald wieder enger zusammenrückt und hält die von Windböen malträtierte Plane fest. Winters wie sommers draußen – bestimmt kein Zuckerschlecken, aber ihre Familie lebt davon. »Wenn man die Ansprüche runterschraubt, reicht es.«

An einem Tischchen mit wassergefüllter Wanne steht Dörte und verkauft für einen Euro selbst gepflückten Echten Bärlauch. »Nicht zu verwechseln mit allium paradoxum, dem Wunderlauch oder Berliner Bärlauch.« Der echte ist gehaltvoller, aromatischer und seltener. Seit 20 Jahren steht Dörte hier. »Franziska hat mich damals eingeladen.«

Gegenüber leuchtet es orange, gelb und rot. Davor wartet eine Schlange, so lang wie vor Mustafas Gemüse Kebap. Doch am Chamissoplatz geht es nicht nur ums Essen, hier geht es immer auch um Kunst. Die Kunst etwa, die Schönheit der Blumen in einem Strauß zu bündeln, der das Herz aufblühen lässt. Deshalb stehen sie hier alle so geduldig, fast andächtig an. Der Blumenstand ist der Blickfang des Marktes, alle freuen sich, wenn er Ende März auftaucht. Ulrike ist von Anfang an dabei! Manchmal denkt sie, »es reicht. Aber wenn der Frühling kommt, dann will ich doch wieder.« Die Gärtnerei ist in Kloster Zinna, das Lager in der Fürbringer Straße – eine funktionierende regionale Land-Stadt-Connection.

Das Café Marameo hat Tische auf die Straße gestellt. Eltern trinken ihren Latte und wechseln sich in der Kinderaufsicht ab. Der große Spielplatz, die Steinofenpizza und die Crepes für den Nachwuchs: das alles ist perfekt für die junge Kleinfamilie. Aber auch dem ökologisch lebenden Ex-Punk und den beiden lautstark über Putin diskutierenden Ex-Studenten gefällt die Atmosphäre.

Dazwischen der Impresario Harald, besser bekannt als Marktleiter Vossi: »Wir machen hier gerade Minus wegen Corona. Wir brauchten plötzlich mehr Personal, weil wir die Fläche vergrößern mussten.« Zum Glück kamen junge Leute aus dem coronagebeutelten Schauspielbereich ins Markt-Team. Vielleicht wächst sogar eine Nachfolgerin für Vossi heran!

Vossi, ursprünglich KFZ-Schlosser aus Nordhessen, dann Bundeswehrflüchtling, später Politologiestudent, kam vor 28 Jahren als Roadie zum Markt. »Franziska fragte mich im Nachbarschaftsladen, ob ich mithelfe, den Markt aufzubauen. Um 6 Uhr morgens! Ich hatte mit Öko damals nichts am Hut. Die Müslis fand ich seltsam. War für mich systemerhaltender Quark.« Trotzdem hat er mitgemacht und ist allmählich in die Aufgabe hineingewachsen. Inzwischen ist er überzeugt von seinem nicht sehr lukrativen, aber sehr sinnvollen Job: »Ökologische Landwirtschaft ist existenziell für den Biotopschutz und für Erhalt der Vielfalt – und damit unseres Planeten.« Arrogante »Lifestyle-Ökos« aber mag er nicht. »Wenn hier einer was Besseres sein will, schmeiße ich den raus. Kam schon mal vor. Wir haben das Hausrecht. Und der Markt hier ist für alle da.«

Der Bezirk selbst will keine kommunalen Märkte mehr ausrichten, er hat alle Märkte privatisiert. Jetziger Träger und Arbeitgeber von Vossi ist der Verein Grüngewusel mit seinem aktiven ehrenamtlichen Vorstand Achim, Sara und Kelvin. Vorher gab es Barbara, Johanna und Vera. Eine lange Kette von Engagement. Und nicht immer ist der Himmel so blau und die Laune so gut wie heute. Immer wieder gibt es Ärger mit Autofahrern. Oder mit der GEMA. »Wir bekamen schon Bußgelder wegen der Straßenmusik.« Eine Anwohnerin hatte Anzeige erstattet. Die Musik sei ein einziger Lärm und der Grill mit den Bratwürsten eine Geruchsbelästigung. Sie erhielt sogar Recht, denn der Chamissoplatz ist eine offizielle »Ruhezone«.


Fotos: Edith Siepmann





















Auch deshalb sind die Händler am Chamissoplatz auch nicht so laut wie die Marktschreier am Maybauchufer. Irgendwann werden auch die Kinder nur noch lautlos spielen. So ändern sich die Zeiten: In den Achtzigern krawallten hier Punkbands bis in die Nacht auf unvergesslichen Festen. Das letzte Chamissoplatzfest ist 13 Jahre her!

Vossi sitzt zwischen den Stühlen: Streits schlichten, Falschparker anzeigen, die Biozertifikate der Stände kontrollieren, Elektroleitungen legen, Auf- und Abbau. Und das Standgeld eintreiben. Einen Cent für soziale Projekte wie die Kochaktion von Flüchtlingen und 8 Euro bei »Ich bring meinen Tisch selber mit«. Die großen Wagen bezahlen jetzt 50 Euro, »aber wir müssen bald erhöhen. Es wird ja alles teurer.«

Vossi geht kassieren. Erstmal zum Verkäufer am Gemüsestand Marienhöhe, dem ältesten deutschen Demeterhof überhaupt. Ein weiterer Verkaufswagen des Hofguts steht um die Ecke und demonstriert anhand seiner tierischen Produkte das Demeter-Prinzip der hofeigenen Kreislaufwirtschaft. Auch Marienhöhe ist ein Urgestein des Chamissomarktes wie Schafgarbe gegenüber dem Heidelberger Krug. Friedhelm reicht einer Kundin die Schafmolke: »Jetzt gibt’s die wieder, die Lämmer sind gepurzelt.« Auf der anderen Seite, bei Lamm und Apfel, erklärt Olaf, wie es auf seinem Hof rund geht: »Die Lämmer grasen unter den Apfelbäumen und machen Mist; die Äpfel werden gedüngt; die Leute kaufen Fleisch, Wurst, Äpfel und Saft und die Schafe kriegen den Trester zu fressen. - Schäferei ist was Eigenes, das verändert Landschaft und Bewusstsein.«

Die Lebensmittel direkt von den Höfen haben ihre Qualität, und die wiederum hat ihren Preis. Trotzdem gibt es viele Stammkunden aus der direkten Nachbarschaft, Rentnerinnen und Rentner, die nur über bescheidene Finanzmittel verfügen. »Ich kaufe jeden Samstag hier ein für die ganze Woche, aber das Gemüse ist frisch und hält sich. Und es schmeckt. Und der Quark macht richtig satt.«

Über die Arndtstraße zieht der Duft von frischen Bohnen. Dieter steht an seinem weißen Piaggio Ape und verkauft fairen Espresso, das Wasser gefiltert, nicht gerührt. Nebenan wird in der Steinofenhöhle Pizza gebacken. Es sind alle wieder da an diesem sonnigen Morgen.

Nur Bürstenschröder fehlt. Vielleicht muss es noch ein bisschen wärmer werden, damit er wieder auftaucht und vor den Augen seines Publikums Spinnenbesen knüpft und Rasierpinsel stutzt, um dann gegen 15 Uhr nach ausführlichem Schwätzchen wie im Mittelalter mit seiner Holzkarre über das Kopfsteinpflaster wieder in Richtung Heimstraße zu verschwinden.

Regenwolken ziehen auf. Schnell noch beim Biolandhof Zielke ein Dutzend Eier und ein frisches Gemüse kaufen. Hubi ist da, wie immer seit 28 Jahren, reicht zwei Kohlrabi rüber und sagt: »Was soll ich sagen? Für mich ist der Markt schön, ich mach ihn einfach gern.«

Es regnet Katzen und Hunde, der Vorhang fällt. •


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