Kreuzberger Chronik
Mai 2022 - Ausgabe 239

Mühlenhaupts Erinnerungen

Renate


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von Kurt Mühlenhaupt

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Kurt Mühlenhaupt konnte viele lustige Geschichten erzählen. Aber es waren auch einige darunter, die nachdenklich stimmten. So wie die von Renate, einem Kriegskind, das seinen Vater, einen nach dem Krieg davongelaufenen Engländer, der sich mit der Mutter einen schönen Abend gemacht hatte, nie gesehen hatte. Um das Kind durchzubringen, übernahm die Mutter eine Hauswartsstelle am Chamissoplatz, und weil Renate die Enge der kleinen Wohnung und die kleinbürgerliche Lebensweise ihrer Mutter nicht mochte, tauchte sie immer öfter beim Maler im Atelier auf. Eines Tages wurde die Mutter krank, und als Kurt Mühlenhaupt an ihr Bett trat, sah er, daß sie im Sterben lag.

»Herr Mühlenhaupt, versprechen Sie mir, daß sie sich um meine Tochter kümmern.«

Eine Woche später haben wir sie beerdigt. Renate war nun frei. Sie konnte endlich nach ihren Vorstellungen leben, aber das war auch ihr Unglück. Ich sah sie immer seltener. Als sie wieder mal auftauchte, erzählte sie mir von ihrem Freund Wolfgang. Ich fühlte mich an mein Versprechen gebunden, das ich der Mutter gab, und redete mit ihr bis zum Abend. Dabei malte ich von ihr ein kleines Porträt. Als sie ging, sagte ich: »Nimm es mit, damit du ein Andenken hast von mir.«

Wir trennten uns, sie ging ihrer Wege, und ich hörte fast zwei Jahre nichts mehr von ihr. Danach traf ich die Kunsthändlerin Inge Karsch. Sie beschrieb mir ein Bild, das sie gerade erworben hatte. Es war das Porträt von damals.

Es dauerte noch mal ein halbes Jahr und Renate stand wieder vor der Tür. Sie erzählte mir, daß sie schwanger war und daß Wolfgang sie verlassen hatte. Mit meinem Bild konnte sie die Abtreibung bezahlen. Danach hat sie einen tollen Job gefunden. Sie spielte nun im Musical »Hair« mit.

»Ich weiß nicht, ob das das Richtige ist für Dich«, sagte ich. - »Du bist ja wie meine Mutter«, schimpfte sie, sprang auf und lief wieder fort.

Nach einem Jahr stand sie wieder vor mir. Der Umgang im Musical hatte sie kaputt gemacht. Zigaretten, Alkohol, Drogen. Ich nahm sie bei mir auf, aber schon am nächsten Tag lief sie wieder fort. Man griff sie völlig verwahrlost irgendwo auf und brachte sie in die Psychiatrie.

Seit dreißig Jahren wechselt sie von Anstalt zu Anstalt. Ab und zu ruft sie bei mir an und erzählt mir eine neue Story. Alles, was ich machen kann, ist, ihr jeden Monat einen Brief und ein paar Mark für Zigaretten zu schicken. Damit ich von dieser traurigen Geschichte wegkomme, nahm mir Hannelore dieses Amt ab.

Entnommen aus Kurt Mühlenhaupts autobiographischem Werk in 11 Bänden

erhältlich im Kurt Mühlenhaupt Museum, Fidicinstraße 40


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