Kreuzberger Chronik
Mai 2022 - Ausgabe 239

Hausverbot

Tanz im Mai


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von Olaf Durkamp

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Es war im Mai des Jahres 1967. Im großen Festsaal an der Hasenheide standen damals noch die rustikalen Holztische der bayerischen Bierfeste, da kündigte ein Plakat für den zweiten Pfingstfeiertag ein »einmaliges Sondergastspiel« von »Englands Showman Nr. 1« an, der mit seinen »Super-Hits Hey Joe und Purple Haze« die Beatles und die Stones von Platz Eins der Charts verdrängt hatte.

Seit dem ersten Deutschlandkonzert an der Hasenheide und den Zeitungsbildern vom Currywurst kauenden Gitarrenvirtuosen war Jimi Hendrix ein Berliner. Es gab keine Kneipe in Kreuzberg, in der nicht einmal am Abend Hendrix gespielt wurde, keine sommerliche Party, während der durch die offenen Fenster der Altbauwohnungen nicht irgendwann zu nächtlicher Stunde noch Star Spangled Banner wehte – ohne, dass es irgendjemanden gestört hätte. Erst der Fall der Mauer ließ die Stimme des Jimi Hendrix allmählich verstummen.

Damit er nicht ganz vergessen wurde, huldigten Kreuzberger Musiker dem Gitarrengott in regelmäßigen Abständen mit Konzerten. So also auch im Mai 2011 im Huxley. Sechs Gitarristen bekannter Berliner Formationen sollten Hendrix die Ehre erweisen, darunter auch Günter Schallert von den Beat Cats, die 1967 noch als Vorband der Jimi Hendrix Experience auf der Bühne gestanden hatten.

Schallert spielte und bog sich wie der Meister persönlich, nach vier Gittarrenstückchen war der halbe Saal zurück in den Siebzigerjahren. Joints leuchteten auf, lange Mähnen wirbelten umher, immer verzückter wurden die Verrenkungen der Tänzer. Einer von ihnen stand ganz vorne bei den Lautsprechern und warf schlangenartige Arme in die Luft, als seien sie vom Rest des Körpers abgekoppelt. Den Kopf warf er so abrupt hin und her, dass er abzuknicken drohte, und die Wirbelsäule hatte die alte Neigung zum aufrechten Gang aufgegeben: Immer wieder knickte der dünne Körper in sich zusammen, um kurz darauf in ekstatischer Verzückung wieder in die Höhe zu schnellen.

Niemand schenkte dem Tänzer Beachtung, dessen Bewegungen an die einer Marionette erinnerten - in der Hand eines verrückten Puppenspielers. Seit Woodstock gehörten tranceartige Bewusstseinszustände zu einem guten Konzert dazu. Auch als der junge Mann in den Pausen unablässig weitertanzte, beunruhigte das niemanden.

Erst, als der Tänzer plötzlich zwischen den Musikern stand, wurde man aufmerksam. Ein Bassist nahm ihn freundlich beim Arm, um ihn von der Bühne zu führen, doch der Tänzer wackelte und zuckte weiter. Er wehrte sich, bis ihn zwei Männer in die Mitte nahmen und hinausführten, vorbei an dem Tisch mit den Devotionalien, den Platten und CDs, den Plakaten und Bildbänden, und den T-Shirts mit dem Konterfei seines großen Idols Jimi Hendrix.


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