Kreuzberger Chronik
März 2022 - Ausgabe 237

Strassen, Häuser, Höfe

Hasenheide Nummer 50


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von Ina Winkler

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Es ist noch nicht lange her, da saßen vor der Hausnummer 50 die Bewohner im Sommer in ihrem Vorgarten und aßen und tranken. Heinz Meier, der im Erdgeschoss sein Atelier hatte und aus alten Gläsern und Schmucksteinen märchenhafte Lampen zusammensetzte, hatte einen langen Tisch und eine lange Bank vor das Haus gestellt. Im Garten standen zwei überlebensgroße Bären aus Holz, die eine Künstlerin mit der Motorsäge aus einem Baumstamm herausgesägt hatte und die die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zogen.

Vor den Bären qualmte der Grill, es roch nach Lamm und auf dem Tisch standen Berge von Salat und Flaschen voller Wein. Immer wieder warfen Vorübergehende neidische Blicke auf die gemütliche Gesellschaft, manche schritten sogar durch die kleine Tür im kniehohen Mäuerchen, das den Garten von der Straße trennte, und vergrößerten den trinkfreudigen Freundeskreis.

Es herrschte Leben in der Nummer 50, besonders, wenn der Karneval der Kulturen vor dem Garten vorüberzog. Dann war der Freundeskreis besonders groß. Oft kamen die Leute von der Straße in den Garten und fragten, ob sie die Toilette benutzen dürften. Heinz Meier ließ sie alle herein, zeigte ihnen den Weg durch den langen Gang, der einst zu den kleinen Zimmern der Prostituierten führte, die hier ihre Freier empfingen. Die Hasenheide Nummer 50 war eine zwielichtige Adresse gewesen, immer wieder hörten die Mieter des Vorderhauses Frauen um Hilfe schreien und riefen die Polizei, bis man den Puffvater eines Tages erschossen im Erdgeschoss fand. So wird es heute erzählt.

Das Haus an der historischen Vergnügungsmeile mit der Neuen Welt und den Tanzlokalen war immer ein belebter Ort gewesen. Kneipen und Cafés öffneten und schlossen, bis Heinz Meier in die leerstehenden Räume einzog und die 200 Quadratmeter für 50 Mark monatlich als Lagerfläche nutzte. Ausgehandelt hatte er die Miete mit dem Schwiegersohn der Hauseigentümerin, dem Herrn von Wedel. Jahrelang hatte Herr Wedel um den Adelstitel kämpfen müssen und war bereits ein alter Mann, als er Heinz Meier eines Tages verkünden konnte: »Ich habe es geschafft!« – »Dann freue ich mich sehr, der erste zu sein, der Sie als Herr von Wedel begrüßen darf!«, antwortete Meier.

Der Herr mit dem frischen Adelstitel war das Resultat eines Seitensprungs. Als einer der letzten aus einem alten Adelsgeschlecht hatte sich sein Vater auf ein Rittergut in der Nähe eines kleinen pommerschen Dorfes zurückgezogen. Die Abende verbrachte er im Dorfkrug, nicht der Bauern, sondern der hübschen Tochter des Wirts wegen. Aus der stürmischen Beziehung entsprang ein uneheliches Kind, eben jener spätere Herr von Wedel, der sich um die Verwaltung der Nummer 50 kümmerte. Auch seine Schwiegermutter, die Besitzerin des schmucken Vorderhauses mit seinen Erkern, den beiden Seitenflügeln, dem Quergebäude und der Remise im 2. Hof, war nicht von schlechten Eltern. Als Heinz Meier nach ihrem Tod die Wohnung leerräumte, fand er im Kleiderschrank zwischen den alten Leinentüchern eine Urkunde, die auch die verstorbene Hauseigentümerin als eine Adlige auszeichnete.

Tochter und Schwiegersohn erbten das Haus, aber sie kümmerten sich nicht sonderlich liebevoll um ihr Erbe. Die Wohnungen im Hinterhaus sahen auch im 21. Jahrhundert noch aus wie im 19., und Jörg, der Altmieter aus dem Hinterhaus, verfügt bis heute über eine schon historische Außentoilette. Schon kurz nach dem Tod der alten Dame kursierte unter den Mietern das Gerücht, man wolle verkaufen. Ein Nachbar, so erzählte man, habe 1,2 Millionen geboten, aber das sei den Neu-Adligen zu wenig gewesen. Zuletzt soll eine österreichische Immobilienfirma 8,4 Millionen gezahlt haben. Damit dürften die ritterlichen Nachfahren den Rest ihres Lebens gut über die Runden kommen.

Nach dem Verkauf wurden einige der Wohnungen im Vorderhaus saniert, die Mieten haben sich verdoppelt, teilweise verdreifacht, und wer noch einen günstigen Mietvertrag besitzt, muss um seine Bleibe fürchten. 2019 tauchte der neue Eigentümer in einem österreichischen Livestylemagazin auf, mit auf Hochglanz polierten Schuhen saß er lässig im Ledersessel und philosophierte über Luxus. Bevor er die Geschäfte der WINEG Realitäten GmbH zu führen begann, die ihm zu 99% auch gehört, verwandelte er mit der Covivio über 1100 Berliner Mietwohnungen in Eigentum. Der umtriebige Wiener, laut österreichischem Firmenbuch alleinvertretender Geschäftsführer von über achtzig weiteren Firmen, spricht von einer »Revitalisierung durch Loft und Dachausbauten« - als stünde das Gebäude seit Jahrzehnten leer. Er spricht von »Top-Lagen« in »exzellenter Umgebung«, die man »gezielt identifiziert habe« - als handele es sich um eine feindliche Stellungen.

Laut eigenen Angaben geht es dem Immobilienunternehmen, das sowohl als Investor, Projektentwickler, Bauträger und Makler auftritt, darum, »sowohl im Eigentums-, als auch im Miet- und Anlagesektor (...) stets eine langfristige Wertsteigerung« zu erreichen. Kollateralschäden werden dabei gern in Kauf genommen. Wasserleitungen platzen, Reparaturen werden nicht ausgeführt, die Heizung fällt aus. Die Mieter der Nummer 50 wohnen auf einer Baustelle, deren Ende vorerst nicht in Sicht ist. Um die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen, nagelten die Bewohner der Nummer 50 einen hölzernen Miethai an einen Baum. Er verschwand über Nacht.

Heinz Meier ist längst ausgezogen, vor dem Haus sitzt niemand mehr. Die Revitalisierung des einst so lebendigen Hauses ist gescheitert. Hätte der Bezirk das Vorkaufsrecht rechtzeitig ausgeübt, dann hätte der Patient eine Überlebenschance gehabt. •




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