Kreuzberger Chronik
März 2022 - Ausgabe 237

Mühlenhaupts Erinnerungen

Die Badewannenparty


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von Kurt Mühlenhaupt

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Kurt Mühlenhaupt besuchte mit seinem Freund Klaus Dammbacher die ländlichen Dorfkrüge. Als sie eines dieser Lokale betraten, übte man dort gerade Liegestütz. Wer die meisten schaffte, bekam ein Bier. Zeigt mal, was ihr könnt, riefen die Dorfbewohner. Mühlenhaupt gewann so souverän, dass er jedes Mal, wenn er wieder dort auftauchte, den Zirkus wiederholen sollte. Aber Mühlenhaupt sagte:

»Wenn ihr unbedingt ein Bier spendieren wollt, dann tut es. Dafür erzähle ich euch eine wundersame Geschichte, die sich ein paar Dörfer weiter zugetragen hat.« -»Hier passiert doch nichts!«, sagte einer. »Hört doch erst mal zu!« Und zum Wirt sagte ich: »Eine Runde für alle, wir können dann immer noch sehen, wer bezahlt.«

Ich begann mit meiner Geschichte: »Also, vor vierzehn Tagen werkelten wir im Haus. Nach der Arbeit waren wir recht schmutzig und wollten erst mal ein Bad nehmen. Klaus nahm gleich einen großen Schluck aus der Schnapsflasche, denn ihm brannte die Kehle. Dann füllten wir die Badewanne bis zum Rand. Bier und Schnaps standen daneben. Man muss ja nicht im Wirtshaus trinken. So ließen wir uns voll laufen. Nur eins hatten wir nicht bedacht. Der Boden war glitschig und naß. Als wir die Wanne verließen, kamen wir nicht mehr auf die Beine. Wie wir ins Bett rutschten, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir schliefen fest und sehr lange. Als wir wach wurden, stellte ich fest, daß mein linkes Handgelenk angeschwollen war. Was blieb uns anderes übrig als zum Doktor Ungeheuer zu fahren. Aber die Türen waren verschlossen.

Zu uns sagte jemand: »Heute ist doch Sonntag!« Da haben wir ja fast zwei Tage geschlafen, dachte ich. Mein Arm wurde immer dicker. Nach einer halben Stunde kam der Dok
tor endlich mit dreißig alten Damen im Schlepptau. Ein Autobus war nämlich draußen auf der Chaussee zu schnell über den Bahnhöcker gesaust. Dabei flogen alle Damen nach oben und hatten riesige Beulen und Hörner am Kopf. Wir hängten uns hinten ran und rutschten ins Wartezimmer. Als ich dran war, suchte der Doktor vergebens auf meinem Kopf. »Ich muss Sie enttäuschen, Herr Doktor. Meine Krankheit ist anderer Art. Der Doktor atmete auf, denn sein Vorrat an Wasserstoffsuperoxyd war vollkommen aufgebraucht. Ich war am Ende meiner Geschichte. Die Runde brauchte ich nicht zu bezahlen.

Entnommen aus Kurt Mühlenhaupts autobiographischem Werk in 11 Bänden Erhältlich im Kurt Mühlenhaupt Museum, Fidicinstraße 40


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