Kreuzberger Chronik
März 2022 - Ausgabe 237

Hausverbot

Der Bluff


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von Michael Unfried

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Den hatte noch niemand am Chamissoplatz gesehen. Auch danach sah man ihn nie wieder. Es gibt solche Männer, die tauchen einmal auf und nie wieder. Obwohl sie keine Durchreisenden sind. Sie wohnen irgendwo in der Stadt, aber sie ziehen jeden Abend durch die Bezirke, ständig auf der Suche nach geeigneten Lokalen. Lokalen, in denen sie noch kein Hausverbot haben, oder in denen sie so lange nicht mehr gewesen sind, dass sich niemand mehr an sie erinnert.

Er kam herein und begutachtete die Gäste. Dann taxierte er die Tresenkraft, eine schmale Frau, die so aussah, als könne sie schon ihrer physischen Konstitution wegen keiner Fliege etwas zuleide tun. Am Tresen saßen zwei Männer und starrten in ihre Biere.

»Ich darf doch?«, sagte er und trat zwischen die zwei Trinker, was der eine stumm nickend, der andere gar nicht zur Kenntnis nahm.

»Ist dir die Freundin weggelaufen oder warum bist Du so still?«

Die Kellnerin fragte, was er trinken wolle. »Einen Korn. Und für den jungen Mann hier auch. Der braucht was zur Aufmunterung.«

»Kalle – willste´n Korn? Der junge Mann gibt einen aus.«

Kalle nickte. Wenig später stießen die kleinen Gläser aneinander. »Und nur nicht den Kopf hängen lassen!« – »Prost!«, erwiderte Kalle. Der Fremde fing an, etwas über Frauen zu erzählen, dann über Freunde, aber Kalle nickte nur immer, manchmal sagte er »Ja, das stimmt.«

Dann wandte der Fremde sich dem anderen Trinker zu: »Ist der immer so gesprächig? Kann der auch mal Nein sagen?«

»Dazu ist Kalle zu gutmütig.«

»Aber wir sind doch in Kreuzberg! Hey«, sagte er und drehte sich wieder um, »Hey, kannst du jetzt verdammt noch mal Nein sagen.«

Die Kellnerin schaltete sich ein. »Lass mal den Kalle in Ruhe! Wenn du glaubst, du kriegst hier für einen mickrigen Korn eine komplette Abendunterhaltung, irrst du dich!«

»Der redet nie viel, das hat mit dir gar nichts zu tun!«, ergänzte der zweite Mann am Tresen. Der Fremde drehte sich wie von der Tarantel gestochen um: »Was mischst du dich denn hier ein? Was geht dich das an, was ich mit Kalle zu besprechen habe? Pass mal auf, wenn du noch ein Wort sagst, dann poliere ich dir die Fresse, ist das klar?«

Die Kellnerin polierte in aller Ruhe ihr Glas, betrachtet es gegen das Licht und reihte es in das Regal ein. Dann drehte sie sich um, das Handtuch locker über die Schulter geworfen wie der Coach eines schweißnassen Boxers, und sagte: »Du verlässt jetzt sofort das Lokal. Ich habe gerade angerufen, in zwei Minuten sind die Bullen da.«

Im selben Moment hörte man draußen eine Polizeisirene. Der Fremde legte noch einen Zehner auf den Tresen und verschwand. Die Streife fuhr natürlich vorüber, und alle im Lokal grinsten. •


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