Kreuzberger Chronik
Dez. 2022/ 2023 - Ausgabe 245

Mühlenhaupts Erinnerungen

Vom Weihnachtsmnn


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von Kurt Mühlenhaupt

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Zum richtigen Weihnachtsfest gehörte auch ein richtiger Weihnachts
mann. Oft reicht es, wenn man ihm im Kaufhaus begegnet. Da werden Erinnerungen wach. So ein Weihnachtsmann hat mehrere Aufgaben. Er muss die artigen Kinder beschenken und die unartigen bestrafen. Dann zeigt er die Rute, ein Büschel Reisig mit kleinen Papierschnipseln dran, und die Kinder beten, und ich höre meine Mutter singen:

»Traps, traps, traps - Er geht vorbei, wer soll das sein? -Traps, traps, traps - Komm doch zu uns herein! - Es sind ja art´ge Kinder drin - die sich schon lange freu´n . Komm herein, so unser Gast, schenk uns alles, was du hast....«

Traps, traps, traps, das ist doch die zweite Strophe, dachte ich. Warum fällt mir die erst nicht ein? Ich muss mich beeilen. Um fünf Uhr wollte ich zur Bescherung oben sein. Ich sollte für meine Familie den Weihnachtsmann spielen. Einen Kaffeewärmer hatte ich schon auf dem Kopf und Watteflocken hingen im Bart. Zwar waren meine Kinder schon viel zu groß dafür, dennoch tat ich ihnen den Gefallen, zumal ich zu dieser Zeit mit meinem riesigen Bart das richtige Weihnachtsmanngesicht hatte. Außerdem machte den Kindern das Getütel Spaß, weil der Onkel Willi stets was mit der Rute bekam.

Ich blieb auf der Straße stehen, weil mich eine Frau festhielt. Sie zupfte an meinem Bart, daß es ordentlich ziepte. Dann sagte sie: »Der ist ja echt! Endlich habe ich einen richtigen Weihnachtsmann erwischt! Sie müssen schnell zu meinen Kindern kommen. Sie wollen nämlich nicht mehr so recht an den Weihnachtsmann glauben. Wir müssen ihnen beweisen, daß es wirklich und wahrhaftig Weihnachtsmänner gibt!«

So heftig ich mich auch wehrte, sie ließ nicht locker und entwickelte dabei so viel Liebreiz und Charme, daß ich letztlich zusagte. »Also gut«, sagte ich, »Auf einen Sprung komme ich mit hoch.«

Ich habe es nie bereut, denn mit den Kindern hatte ich großen Spaß. Sie zupften an meinem Bart und saßen bald auf meinem Schoß. Ich sah, daß sie eigentlich weniger einen Weihnachtsmann brauchten als einen Papa. Den spielte ich gern, und das so lange, bis ein neuer Weihnachtsmann in die Wohnung einzog.

Entnommen aus Kurt Mühlenhaupts autobiographischem Werk in 11 Bänden, erhältlich im Kurt Mühlenhaupt Museum, Fidicinstraße 40


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