Kreuzberger Chronik
April 2022 - Ausgabe 238

Mühlenhaupts Erinnerungen

Besuch aus Rußland


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von Kurt Mühlenhaupt

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Kurt Mühlenhaupt war ein Berliner Original und deshalb auch ein Vorzeigekünstler. Er wurde nicht nur internationalen Künstlern vorgestellt, sondern auch bei Staatsbesuchen vorgezeigt. So lud ihn die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft anlässlich eines Staatsbesuches aus Moskau in ihre Galerie am Kurfürstendamm.

Wir tranken eine Tasse Kaffee. Wodka lehnten sie ab. Sie (...) betrachte
ten meine Werke sehr aufmerksam und ich bemerkte, dass ihnen der Leierkastenmann am besten gefiel. Ich zog es aus der Mappe, gab Herrn Minister den oberen Teil in die Hand und Frau Ministerin den unteren. Dann nahm ich eine Schere und schnipp, schnapp zerlegte ich das Blatt. Jeder hielt nun einen Teil des Bildes in der Hand. Ich sah die erschrockenen Gesichter und sagte: »Das habt ihr mit Deutschland auch so gemacht.« Ob es die Dolmetscherin übersetzt hat, weiß ich nicht.

Danach griff ich noch mal in die Mappe und schenkte jedem ein neues Litho. Da war die Freude groß. Andererseits brachte ich sie in Verlegenheit. Nach Minuten des Schweigens folgte eine Einladung nach Moskau. Ich machte ihnen klar, dass ich die Einladung dankend annehmen und am liebsten mit dem Auto anreisen würde. Ich wollte ja schließlich Rußland kennenlernen. Von der Seite des Kulturattachés gab es sofort Einwände: »Rußland kann man nicht mit dem Auto besuchen«, übersetzte die Dolmetscherin. »Rußland ist nicht Deutschland. Da sind nicht alle Straßen befestigt, und es gibt auf den Dörfern auch keine Hotels oder Herbergen.« – »Ich schlafe nicht so gern im Hotel«, sagte ich. »Am liebsten bei den einfachen Menschen hinter der Ofenbank. So kann ich am besten Land und Leute kennenlernen.«

Meine Gäste wurden nachdenklich. Ich war mir natürlich im Klaren, daß es noch viele andere Probleme gab und daß man durch Rußland keinen Schritt alleine machen konnte. Mit so einem Kulturattaché kann man doch nicht einfach in seinem Auto durchs Land schaukeln und man müßte ja auch notfalls gemeinsam darin schlafen. Nun, ich wollte auch nur auf den Busch klopfen und meinte es gar nicht so ernst. Darum sagte ich:

»Vielleicht ist es Ihnen recht, wenn ich diese Reise nicht alleine antrete und mit anderen Künstlern meine Bilder in Moskau zeige. Da könnten wir dann mit dem Flugzeug kommen. Also, ich würde mich freuen.«

»Das werden wir sehen«, sagte der Minister. Danach verabschiedeten wir uns auf Russisch mit einer Umarmung und einem Bruderkuß.




Entnommen aus Kurt Mühlenhaupts autobiographischem Werk in 11 Bänden erhältlich im Kurt Mühlenhaupt Museum, Fidicinstraße 40



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