Kreuzberger Chronik
September 2021 - Ausgabe 232

Kanzlei Hilfreich

Hilfreich passt


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von Kajo Frings

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Ein Fall in unmittelbarer Nachbarschaft

An der Südseite des Chamissoplatzes steht das Haus Willibald Alexis Straße 22, direkt neben dem Bolzplatz. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts befand sich dort ein großer Hinterhof und in Richtung Fidicinstraße ein kleiner Abhang. Dort hat irgendwer eine lange Bank hingebaut und dort trafen sich, uneinsehbar für die Künstler und Bohemiens des Chamissoplatzes, die »roaring teenies«, um zu quatschen, zu kiffen und zu schmusen - oder wie das damals hieß.

Um dort hinzukommen, musste man durch die 22, und wer nicht zufällig dort wohnte, der musste irgendwo klingeln, - es sei denn, die Haustür stand ohnehin gerade offen. Oder aber man sprang mit Anlauf gegen die Tür, in der Hoffnung, dass das Schloss seinen Geist aufgeben würde. Doch Herr Bolle, der Hausmeister, hatte es satt, ständig die Schlösser reparieren zu müssen. Deshalb stellte er sich eines Tages diesen Rotznasen in den Weg und versperrte mit körperlichem Einsatz den Durchgang. Es gab Pöbeleien, Rangeleien, aber Herr Bolle behielt die Oberhand, bis er einen Satz sagte, den einer der Eindringlinge allzu wörtlich nahm.

Herr Bolle ging zu Boden, sein Hemd färbte sich rot, ein Augenzeuge sah ihn dort liegen und rief von der Telefonzelle - so was gab es damals - die 112 an. Ein Notarztwagen kam umgehend - auch das gab es damals noch. Herr Bolle wurde in die Notaufnahme im Urban-Krankenhaus gebracht und sofort - auch das gab es damals noch - ärztlich versorgt.

Irgend jemand fragte den jungen Anwalt Jens Hilfreich, ob dieser als Pflichtverteidiger zur Verfügung stünde. Jens überlegte. Er wohnte nördlich der Gneisenaustraße und wollte sich erst mal ein Bild von der Szene am Chamissoplatz machen. Er ging hin zum Tatort und klingelte. Keine Reaktion. Er trat mit Schwung gegen die Haustür, das Schloss schepperte - na, wer sagt’s denn!

Hinten im Hof hockten so zehn Kids. Alle mit Kippe.

»Tachchen«, sagte Jens anbiederisch.

»Bisst’n Bulle ? Mit Bullen reden wir nicht.«

»Nein, ich bin Anwalt«

»Von denen hier war‘s keiner«, sagte eines der Mädchen.

»Na gut, aber hat einer von euch den Vorfall gesehen?«

»Nee, aber gehört«, rief einer, der wie ein Anführer wirkte. »Das war eine reine Provokation von dem Bolle. Steht immer da und lässt uns nicht durch. Und dann sacht er auch noch so was. «

»Ja, was hat der Herr Bolle denn gesagt?«

»Also wörtlich: Hier kommt mir keiner mehr durch. Nur über meine Leiche.«

Jens Hilfreich empfahl einen erfahreneren Strafverteidiger. •


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