Kreuzberger Chronik
Oktober 2021 - Ausgabe 233

Marco Saß Kreuzberger
Volker Hauptvogel

Ich habe zwanzig Jahre lang jeden Abend gut gegessen.


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Marco Saß

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Volker Hauptvogel sitzt am Schreibtisch seiner Einzimmerwohnung im Hinterhof, erster Stock, über das Stückchen blauen Himmels ziehen kleine, weiße Wolken, »fast so wie an der Nordsee!«, wo er vor 45 Jahren einmal herkam. Zusammen mit seinem alten Kumpel Edgar Domin, der später den Bass bei MDK spielte. Berlin war phantastisch, und Hauptvogel war so begeistert von dieser Stadt, dass er ein Buch schrieb über die ersten Jahre: »Fleischers Blues«. Jetzt, fünf Jahre später, soll der 2. Teil dieses Blues folgen. Ein Buch über die Jahre, in denen er die Stadt nicht mehr aus der Perspektive des Neuankömmlings betrachtete, nicht mehr nur mit purer Begeisterung.

Mit Mercedes in der O-Straße, 1981

Hauptvogels Blick wandert von den Nordseewölkchen zum Bildschirm seines Computers. Seit zwei Monaten hat er kein Wort mehr geschrieben, aber jetzt liest er, und er liest so, als hätte er diese Sätze gerade eben erst zu Papier gebracht, als hätte er jedes Wort noch im Gedächtnis: Zum endgültigen Abschied von der Arbeitswelt zog Fleischer die verbliebenen Kollegen zu einer selten unlustig verlaufenden Abschiedsrunde im Bierhimmel auf der Potsdamer Straße. Stimmung wollte ganz und gar nicht aufkommen. Fehlanzeige, so eine Scheiße alles! Die Zeiten haben sich geändert. Als es vorbei war, alle in verschiedenen Gruppierungen und Richtungen auseinander gedriftet waren, schien selbst die Potsdamer Straße - missbraucht, grau und verkommen wie sie ohnehin schon war - noch verbrauchter und müder als sonst. Kein Mensch war zu sehen. Kein Auto, kein Bus fuhr, kein Vogel zwitscherte. --- Schaufensterbeleuchtung, Gaslicht und Neonschein vermischten sich, schimmerten schwach und statisch wie eingefroren auf die Pflasterflecken, aus denen sich plötzlich Bilder der Potse, ihrer Geschichte aus Glanz, Elend und Laster formten. Dann seufzte die Potsdamer laut auf, bog sich, wellte sich, bäumte sich … .

Der Schriftsetzer aus Bremerhaven hatte sich vom Tagesspiegel verabschiedet. Volker Hauptvogel musste sich eine neue Arbeit suchen. Hauptvogel hatte Schriftsetzerei ohnehin nur deshalb zum Beruf gewählt, weil sich »Schriftsetzer« ganz ähnlich wie »Schriftsteller« anhörte. Und er wollte ja eigentlich Schriftsteller werden. Weil er so gerne Bücher las. Weil er mit den Büchern in andere Welten eintauchen konnte. Weil er das ab und zu brauchte: Wegtauchen, Flüchten, dem Alltag den Rücken kehren.

Nun stand er auf der Straße, auf der Potse, vor dem Quartier, in dem er mit Manne, dem Wirt, so viele Schnäpse getrunken hatte. Er dachte nach.

Vom Theaterspielen und kleinen Rollen wie in »Berlin Alexanderplatz« konnte er nicht leben. Auch die Auftritte mit laut taz »Berlins innovativster Punkband«, einer Truppe namens MDK - das Kürzel für Mekanik Destrüktiw Kommandöh - machten niemanden reich. Aber sie brachten den Bremerhavener Schriftsetzer ein bisschen herum in der Welt. Bis über den Atlantik schaffte er es, 33 Konzerte gab er mit MDK in den USA, und als Berliner Krankheit standen sie gemeinsam mit den Einstürzenden Neubauten mehr als zwanzig Mal auf der Bühne.

Hinter dem Mikrofon jedes Mal Volker Hauptvogel, der die Worte in die Welt hinausschrie, anstatt zu singen. Worte, die er selbst geschrieben hatte; Worte, von denen es einige bis ins kollektive Gedächtnis Kreuzbergs gebracht haben; Worte wie im letzten Stück der CD mit dem Titel »Manifestation«, Worte, die für Punker eigentlich viel zu zärtlich sind: »Worte werden zu Musik, wenn ich in Deinen Armen lieg…«

Wie viele CDs verkauft wurden, weiß Hauptvogel nicht, aber er weiß, dass er für 23.000 Downloads 27 Euro erhielt, und dass niemand von den Musikern, die mit ihm auftraten und in die Studios gingen, so viel verdient hat, dass er ein bequemes Leben hätte führen können. Obwohl Hauptvogel, um die Musikgeschäfte anzukurbeln, sogar den Melanie Strauch / Musik Service erfand, kurz: MS.

Melanie alias Volker übernahm fortan die gesamte geschäftliche Korrespondenz, »wahrscheinlich dachten die jedes Mal, wenn sie mir schrieben, da sitzt ´ne geile Alte im Minirock am Schreibtisch! Jedenfalls klappte das viel besser, als wenn einer von uns da anrief und sagte: Hallo, wir sind das Mekanik Destrüktiw Kommandöh, und wir würden gerne mal bei euch auftreten. Na ja, und jetzt sind - bis auf den Saxophonisten - sowieso alle schon tot. Drogen und so … .« Das Punkerdasein ist gefährlich. Dafür aber bleibt man sich selbst treu. Man macht nicht mit. Nicht einmal bei der Popmusik. Punk ist Protest, ein kompletter Gegenentwurf zum Status quo. Eines der Alben von MDK hieß »Kriegserklärung an die Dummheit.« Volker Hauptvogel hatte immer etwas mitzuteilen. Etwas auf dem Herzen. Auf der Zunge. Deshalb wurde er Schriftsteller, und deshalb wurde er Musiker.

Barbesitzer wurde er nur, weil er gerne trank. 1994 eröffnete er in Schöneberg den Pinguin Club. Es dauerte nicht lange, da war die kleine Bar in der Wartburgstraße berühmt. In seiner kleinen Einzimmerwohnung mit Blick auf den Hof hängt ein hübsches Bild der jungen Katharina Thalbach und des jungen Stefan Demmler. Depeche Mode hatte einen Stammtisch bei ihm in der Bar, Dieter Hallervorden, Marianne Rosenberg, Bela B. von den Ärzten machten alle mit bei der Aktion »Prominente kellnern für Knackis«. Einen Abend lang bedienten Promis die Gäste an den Tischen, das Tablett immer schön hoch oben auf einer Hand. »Da kamen einige Tausender zusammen. Davon schickten wir dann Weihnachtspakete in die Berliner Gefängnisse.«

Natürlich trank Volker Hauptvogel nicht nur, er war auch ein leidenschaftlicher Esser. Also eröffnete er ein Restaurant. Und weil es gleich neben dem Pinguin lag, nannte er das Lokal Storch. Pinguin und Storch. Hauptvogel scheint eine gewisse Sympathie für komische Vögel zu haben. Der Storch war kein kleines, schmuddeliges Speiselokal mit Küche in der Besenkammer, sondern ein Restaurant mit 120 Plätzen und zehn Mitarbeitern. Reich ist er auch hier nicht geworden, »aber ich habe zwanzig Jahre lang jeden Abend gut gegessen und getrunken!«. Erzählt er und gießt heißes Wasser in den Melitta-Filter mit dem Kaffee von Lidl.

Vielleicht wäre er heute noch Restaurantchef, wenn nicht plötzlich die Mauer gefallen und die Miete nicht von 1.500 auf 3.000 Mark gestiegen wäre. Und wenn nicht die kleine Kamera, die er heimlich im Storch hatte einbauen lassen, die Griffe des Personals in seine Kasse penibel aufgezeichnet hätte. »Da hat sich jeder bedient. Leute, mit denen ich zehn Jahre zusammen gearbeitet und Feierabend gemacht hatte! Das ist dann auch eine persönliche Enttäuschung.«

Die Zeiten hatten sich geändert, schon in den Siebzigern. Da gehörte das SO36 schon Kippenberger, dem Künstler. Fleischer alias Hauptvogel ging zur Inspektion, und Stephan, der dort kellnerte, sagte: »Sieht komisch aus, so renoviert und ohne Graffiti, findste nich?« Fleischer nickte und formte die Glut des Joints an der Wand neu. »Schon mal ein Anfang!«, sagte er, mehr zu sich und dem kleinen Rußmuster an der Wand. Plötzlich stand Kippi neben ihnen und ermahnte Fleischer streng, die neu angestrichenen Wände nicht zu beschmutzen.

»Gehts dir nicht gut, oder was?« Fleischer schaute ihn verblüfft an. »Hol mal den Ordner!«, befahl Kippi Stephan. Fleischer drehte beiden den Rücken zu und drückte gerade kopfschüttelnd den Joint an der Wand aus, als er äußerst grob an der Schulter gepackt wurde. Ein Rocker stand jetzt neben Kippi. Ein seltsames Paar. Die beiden sahen auf unterschiedliche Art gleich bescheuert aus. Es folgte kein Wortwechsel, Augensprache war angesagt. High Noon.


Mit Edgar »Ede« Domin, 1980

Volker Hauptvogel, Musiker, Barkeeper, Restaurantchef. Schriftsteller hatte er werden wollen, weil Bücher in »andere Welten« entführten. Jetzt war er Schriftsteller, nicht um von fernen Welten, sondern vom Hier und Jetzt zu erzählen. Von dieser Stadt. Von Fleischer, seinem Alter Ego. Von der Potse, vom Bierhimmel, vom Pinguin. Volker Hauptvogel verschwindet, er geht auf und er geht unter in dieser Stadt. Ein bisschen wie Bukowski, sein amerikanischer Kollege, und ein bisschen wie Franz Bieberkopf, der auch in so einem Haus wohnte, in einer kleinen Wohnung mit so einem kleinen, rechteckigen Ausschnitt Himmel über dem steinernen Hinterhof.

Seit acht Jahren wohnt er jetzt hier, für kleines Geld. Er weiß es noch wie heute, wie er mit W. W. Langmann in dessen Wohnung saß, der Tisch zwischen ihnen, die Flasche Korn und das Bier darauf, und daneben der Mietvertrag. Eigentlich war er gar nicht auf Wohnungssuche gewesen, es war der Text, der Volker Hauptvogel angelockt hatte: »Zuverlässiger Mieter von weltoffenem Eigentümer gesucht.«

Mit Yasmin Gates im SO36

Jetzt hat das Haus keinen zuverlässigen Eigentümer mehr, gleich drei Mal wurde es in den letzten Jahren verkauft, zuletzt an eine »Freiherr von Ernst Lübenach Gruppe«. In der Küche fallen die Kacheln von der Wand, im Treppenhaus franst das achtzigjährige Linoleum aus. »Schon irgendwie Kreuzberg, aber na ja…«

W. W. Langmann war ein alter Berliner. Hauptvogel und Langmann verstanden sich, und als der weltoffene Eigentümer im Krankenhaus, gleich um die Ecke, auf seinem Sterbebett lag, da ging Hauptvogel ihn besuchen. »Langmann war jetzt über 90 und hatte unter dem Krankenbett einen Kasten Bier für sich und seine Besucher. Ich habe ihm dann aus meinem Buch vorgelesen. Das fand er gut.« Vielleicht war er gerührt, dass etwas von ihm zurückbleiben würde. Mehr als nur ein Name auf einem Grabstein. In Hauptvogels Buch wurde er noch einmal lebendig, in einem Buch, das man vielleicht in hundert Jahren noch lesen würde. Er hatte ein Stückchen Unsterblichkeit erreicht.

Volker Hauptvogel schlägt die Seite 138 auf, wirft noch einen Blick auf das rechteckige Stück Himmel über dem Hof, das jetzt ganz blau ist, und beginnt zu lesen: Herr W. W. Langmann, im dreiteiligen, graubraunen Flanellanzug mit Uhrkette und Einstecktuch, trug – erstaunlicher Weise auch in der Wohnung – den dazu passenden Hut, dessen breite Krempe er schief und keck über die runden, blinzelnden Augen, die Fleischer sofort unverhohlen taxierten, in die Stirn gerückt hatte. Er stützte sich beidhändig auf einen gedrechselten Stock mit Silberknauf und trug dazu auf Hochglanz polierte Schuhe. (….) »Möchtens ´n Bier oder Schnaps? Is alles da!«



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