Kreuzberger Chronik
Oktober 2021 - Ausgabe 233

Briefwechsel

Alles fließt


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von Eckhard Siepmann

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Ecki Siepmann zu »Die Neue Bergmannstraße« , Nr 232

Es war einmal ein Höhenrücken am Rand eines Urstromtals, und um 1500 wurde dieser Rücken mit Wein bepflanzt. An seinem Fuß erstreckte sich der Weinbergsweg, der seit 1837 Bergmannstraße heißt. 146 Jahre später zog ich in den Chamissokiez. Die Bergmannstraße war damals Anfang der 80er-Jahre ein durch und durch verschlafenes Pflaster, lauter kleine Läden, wenig Verkehr, nur einige Einkäufer unterwegs. Die Straße änderte sich in den 90er-Jahren mit dem rasanten Zuzug von Trödelhändlern, sie wurde zum berlinweit berühmten El Dorado der Liebhaber abgewirtschafteter Dinge. In den 10er-Jahren wich ein Alter-Kram-Laden nach dem anderen schicken Restaurants, Verkehr und Menschengewusel nahmen entsprechend zu. Mit dem Rad über die Bergmann zu fahren, verlangte seitdem und noch vor kurzem Mut und Umsicht. Und jetzt wieder was Neues: Fahrradwege, Blumenkübel, Tempo 10 für die Autos – und ein Aufschrei unter »Altkreuzbergern«, die keine Veränderung ihres Kiezes dulden.

Skeptisch zeigt sich auch die Kreuzberger Chronik. Michael Unfried läßt zunächst den Wiener Max zu Wort kommen. Max war in den Achtzigern in der Bergmann und trauert der damaligen Seele nach. Ach Max, diese Seele ist schon lange auf Nimmerwiedersehen außer Betrieb. Dann ergreift der Altkreuzberger Holger das Wort, ihm macht niemand was vor, es ist eine Fahrradlobby, wow, in der Bergmannstraße am Werk, der es »nur noch um Knete und Macht« geht. Klingt wie der Entlarvungston eines »Querdenkers«.

Da hat einer vor der Kneipe Turandot gesessen und will 28 Fastunfälle gesehen haben, vermutlich mehr als in dieser Zeit Bläschen in seinem Bierschaum geplatzt sind. Das zweiräderige Rasen ist eine Unsitte auf allen Berliner Straßen – soll man deshalb keine Radwege bauen? Und im Übrigen, werte Kritiker, das ist ja alles nur Vorspiel, jetzt in der zweiten Jahreshälfte wird die neue Konzeption der Straße ermittelt und 2022 verwirklicht. Bis dahin beruhigt euch bei des Philosophen Heraklit berühmter Einsicht: Alles fließt, wir können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und wenn der Fluss so einladend ist, wie die neue Bergmannstraße zu werden verspricht, dann bade ich doch gerne. - Ecki Siepmann

Sehr geehrter Ecki Siepmann

Das Bad im knöcheltiefen Rinnsal, das eines Tages durch die Bergmannstraße fließen könnte, sei jedem gegönnt. Doch Heraklits Hinweis darauf, dass sich naturgemäß alles verändert und nichts bleibt, wie es ist, sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Dinge zum Guten, aber auch zum Schlechten entwickeln können. Und dass wir dafür die Verantwortung tragen. - Michael Unfried

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