Kreuzberger Chronik
Oktober 2021 - Ausgabe 233

Reportagen, Gespräche, Interviews

Tische auf der Straße


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von Oliver Knoop

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Die Ladenschließungen im Sommer trafen Kreuzberg hart. Kaum ein anderer Bezirk ist so von Gastronmie und Einzel-handel geprägt wie das ehemalige Künstler- und Studentenviertel. Der Bezirk beschloss, seine Gewerbe zu unterstützen.


Es waren die Siebzigerjahre, die Italiener, die Türken und die Griechen waren schon eine Zeit lang in der Stadt, zogen aus ihren Ausländerwohnheimen in eigene Wohnungen in Kreuzberg oder Schöneberg oder in den Wedding. Sie fühlten sich allmählich zu Hause, und wenn einmal die Sonne schien in dieser verregneten Stadt, dann stellten sie Tische und Stühle auf die Straße, so, wie sie das aus ihrer Heimat gewohnt waren, und aßen und tranken und luden dazu ihre deutschen Nachbarn ein.

Es dauerte nicht lange, da stellten auch die Wirte der italienischen und griechischen Restaurants Tische auf die Straße. Sogar die deutschen Kneipiers erkannten die Gunst der Stunde und verwandelten die Bürgersteige in »Schankvorgärten«. Schon bald stand Berlin in dem Ruf, eine Stadt mit mediterranem Flair zu sein, in der die Menschen an lauen Sommerabenden auf den Straßen sitzen anstatt vor dem Fernsehapparat.

Das ging so lange gut, bis die Mauer fiel und bis Berlin wieder fest in deutscher Hand war. Nun sollte endlich Ordnung einkehren in einer Stadt, in der vierzig Jahre lang der Ausnahmezustand geherrscht hatte und ein Leben ohne Sperrstunden, ohne Militärdienst und mit Tischen und Stühlen auf den Straßen möglich war. Zuerst drohte man mit Verboten, doch da die Staatskassen leer waren, konnte man der Versuchung nicht widerstehen, Genehmigungen zum Aufstellen von Stühlen und Tischen auf dem staatseigenen Bürgersteig zu erteilen. Gegen entsprechende Gebühren.

Zunächst waren alle Beteiligten zufrieden. Die Stellplätze waren bezahlbar, doch nach und nach wurden die staatlichen Grundbesitzer immer unverschämter und immer penibler. Als nach der Jahrtausendwende das sogenannte Ordnungsamt ins Leben gerufen wurde, gehörte es zu dessen wichtigsten Aufgaben, mit dem Zollstock um die Tische vor den Restaurants zu schleichen, um Grenzüberschreitungen von mehr als 50 Zentimetern mit hohen Geldstrafen zu ahnden. Der Unmut wuchs, besonders während des Karnevals der Kulturen und anderen Großveranstaltungen kamen Horden staatlicher Spione zum Einsatz, um auf Kosten der Gastronome die Haushaltskassen zu füllen.

Was in den Augen freiheitsliebender Kreuzberger ein Skandal war, wurde von den Lokalpolitikern als Fortschritt verbucht. Endlich gab es Geld in der Kasse, endlich konnte man auch in Berlin abreißen, neu bauen und das hundertfünzig Jahre alte Straßenpflaster auf den Müllplatz der Geschichte werfen. Schon bald, freute man sich im Senat, würde Berlin so aussehen wie jede andere Stadt auf dieser Welt, und die Investoren würden in Scharen kommen...

Aber es kamen nicht nur Investoren und Touristen, es kam auch ein neuartiges Virus aus dem fernen China bis nach Berlin. Und plötzlich war alles anders: Die Touristen blieben aus, die Geschäfte schlossen, die Stadt war leer, kein Stuhl stand mehr auf der Straße - alles nur, um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Das Leben kam zum Stillstand. Erst nach und nach durften Läden und Restaurants wieder öffnen, doch manche öffneten gar nicht mehr.

Am schlimmsten traf es die Gastronomen. Das sah sogar die Politik ein und hatte eine Idee: Sie hob die Tischgrenzen auf und erlaubte den Café- und Kneipenbesitzern, mehr Plätze auf den Gehsteigen zu belegen als bisher erlaubt - ohne mehr dafür bezahlen zu müssen. Ja, sie genehmigte sogar eine Ausweitung der Schankvorgärten bis auf die Straße hinaus: Wer bereit war, eine Verkehrabsicherung zu finanzieren, durfte sogar die Parkplätze auf der Straße besetzen.

Seitdem sitzen vor dem Österreicher in der Heimstraße die Gäste an langen Tischen auf dem Kopfsteinpflaster vor riesigen Schnitzeln und riesigen Knödeln und trinken riesige Biere. Die wenig dekorative Absperrung haben die Österreicher mit Blumenkästen dekoriert, es blühen das Heidekraut und die unsterblichen Geranien. Drinnen, an den rot-karierten Tischdecken unter den Hirschgeweihen, sitzt niemand mehr, denn draußen herrscht Oktoberfestatmosphäre. Und als der Herbst mit den ersten Regenschauern kam, spannte man ein Zeltdach über die hinzugewonnenen Quadratmeter.

Auch auf dem Mehringdamm hatte man die Chance erkannt und sich auf dem Staatsterrain ausgebreitet. Vor dem mexikanischen Restaurant Cancun standen die Tische bis zum Straßenrand, »aber das ist nur eine vorübergehende Sonderregelung. Die bauen um.« Was da hinkommt, interessiert den Mann hinter dem Tresen nicht, aber einige Meter weiter, in der Destille, weiß man es: »Am Montag müssen wir alles wieder reinräumen. Da soll ein zweispuriger Radweg hin.«

Die kostenlosen Zusatzplätze wurden von den Kreuzbergern dankend angenommen, und in den Wochen vor den Wahlen brüstete sich die Lokalregierung damit, unbürokratisch Hilfe für die leidgeprüfte Gastronomie angeboten zu haben. Doch ganz so unbürokratisch ging es nicht zu. Immer wieder gab es Kontrollen, gleich mit zwei Autos fuhr das Ordnungsamt vor dem Café gegenüber der Ankerklause vor und bemängelte die Ausbreitung von Tischen und Stühlen. Es kam zu langen Verhandlungen, der Besitzer berief sich auf Zeitungsberichte, das Ordnungsamt auf die Antragstellung. Man dürfe, erklärte man dem Gastronomen, nur zusätzliche Tische platzieren, wenn man einen Antrag für eine »Sondernutzungserlaubnis« gestellt habe.

»Wenn die den Leuten helfen wollen«, meint der Besitzer der Ankerklause, »warum bringen sie dem Mann dann nicht gleich so einen Antrag mit? Oder holen ihr Handy raus und füllen mit ihm den Antrag online aus? Anstatt ihn mit einer halben Hundertschaft zu belagern!«

Es herrschte eine allgemeine Verwirrung, klärende Informationen zur Sonderregelung für die sogenannten Schankvorgärten in Corona-Zeiten gab es nur auf der Homepage des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Dort bot man »Gastronomiebetrieben, Einzelhandel und sozialen Projekten derzeit die Möglichkeit, zusätzliche Flächen des ruhenden Verkehrs temporär zum Aufstellen von Tischen/Stühlen (bei Gaststättenbetrieben) oder zum Ausstellen von Waren (bei Einzelhandelsbetrieben) zu nutzen. So können diese die Vorgaben der SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung umsetzen und dennoch Ihren Betrieb wieder aufnehmen.«

Auf mehreren Seiten wird die Neuregelung erläutert, nur auf die Befristung der Antragstellung bis zum 15. Juli wird bis heute nicht hingewiesen. Erst ein Anruf beim Ordnungsamt klärt darüber auf, dass es Beschwerden von Anwohnern gegeben habe, die sich über die Oktoberfestatmosphäre auf Kreuzbergs Straßen beschwert hätten, weshalb es keine Verlängerung der Antragsfrist gebe. Ende des Jahres also sei es mit den zusätzlichen Tischen auf der Straße wieder vorbei.

Das ist bedauerlich, denn das bunte Treiben auf Kreuzbergs Straßen hat längst Tradition. Bereits 2004 wurde, nach zunehmenden Protesten der Gewerbetreibenden über ständige Polizeikontrollen in der Bergmannstraße, ein Pilotprojekt gestartet. Eine Sonderregelung trat in Kraft, um die »bürokratischen Hemmnisse für Gewerbetreibende abzubauen«. Mussten die Geschäftstreibenden zuvor nach eigener Aussage bis zu 60 Euro pro Quadratmeter zahlen und mit ständigen Kontrollen rechnen, sollten sie fortan mit einem einmaligen Entgeld eine Sondernutzungserlaubnis für bis zu zehn Tische erhalten. Kontrollen sollte es nur noch in Ausnahmefällen geben.

Inzwischen ist dieses Straßennutzungsrecht in Kreuzberg etabliert, allerdings muss der Antrag alle zwei Jahre erneuert werden, und so günstig wie 2005 ist die Sache auch nicht mehr. Noch 2020 rückte das Ordnungsamt mit Zollstock und Kamera vor kleinen Cafés und Kneipen an und fotografierte den Tatort nach Manier grimmiger Fernsehkommissare.

Trotz der krankhaften Leidenschaft für Ordnung scheint sich die mediterrane Gelassenheit allmählich einen Weg zu bahnen durch den bürokratischen deutschen Dschungel. Unterstützt von einem überwiegend großen Teil von Kreuzbergern, die, wie kürzlich eine ernst zu nehmende Umfrage ergab, nichts dagegen hätten, die Straßen ihres Wohnviertels komplett vom Autoverkehr zu befreien und mit Tischen und Stühlen zu bevölkern. Sollte das, wenn auch nur teilweise, Wirklichkeit werden, dann wäre das ein hübsches Erbe unserer türkischen Einwanderer aus den Siebzigerjahren.

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