Kreuzberger Chronik
Oktober 2021 - Ausgabe 233

Literatur

Reichenberger Ecke Lausitzer


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von Volker Hauptvorgel

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Nun sitz ich hier, bin zurück in Kreuzberg 36. K36. Jahrhunderte später, von Wellen durch ganz Berlin gespült worden, hin und her, jetzt zurückgeworfen an den Strand, der unterm Pflaster liegt. Alles kommt in Wellen.

Klassische Notlandung im Hinterhof, mit Blick auf Mülltonnen und Plastikblumen. Immer noch ist alles so kiezmässig hier und die Nachbarschaft erweist sich nach wie vor als äußerst mitteilsam. Wohl doch was einsamer als gedacht, erzählt man mir, als wäre ich ein seit Jahren vermisster Vertrauter, bereitwillig und unverlangt allerlei Intimitäten und Einschätzungen. Sie spucken alles aus. Alles. Lügen, Wahrheit, Hoffnungen. Das Wort zum Sonntag. Bericht zur Lage der Nation. Alles liegt bald ausgekotzt in einer einzigen Lache voller Versatzstücke zu meinen Füßen.

Bekomme beim Türkisch-Berliner-Kaffee-To-Go oder trink es hier, Sonderpreise, weil Morgenpost, Zigaretten und die tägliche Schrippe, das macht zusammen 5,10 oder 5,20 zahle zumeist nur Fünfe. Kleingeld scheint morgens noch knapp zu sein, denn wenn ich eine Extramünze zum zumeist unansehnlichen, schnell abgenutzten Schein dazulege, der Heiermann als Münze wurde abgeschafft, gibt es die zurück. Nach einem Kompliment über Babsis Jeans noch ne Schrippe extra, für lau. Babsi dreht sich zur Schrippenentnahme kokett um und wackelt mit ihrem strammen Jeans-Hintern. Natürlich mit Glitzer drauf.

Dann wieder Hinterhof, Seitenflügel, Hochparterre. Die Krähe hat die Lufthoheit erobert, die Tauben, ein erstaunlich schönes und gepflegtes Paar, sind nicht zu sichten. Radio kann ich nicht mehr ertragen, das war früher ganz anders. Kann den Plattenspieler nicht erden, permanent sendet der Lautsprecher S.O.S.-Signale. Na ja, andere hören Stimmen. Elvis und Genossen werden auch schon unhörbar, aber die Hauswartsfrauen Anita und Hanka, jünger als ich, mich derweil siezend, stehen auf Elvis. Ich stelle einen Lautsprecher ins Fenster, beschalle den Hof und die dort versammelten Bewohner, reiche Becher mit Kaffee raus und kann auch Marmorkuchen dazu servieren. Immerhin besitze ich noch Geschirr, nach dem letzten, ziemlich schnellen Umzug blieb nur ein Karton verschollen, der mit meinen Pfannen und Lieblingsgläsern.

Blues, obwohl Ursprung aller Musik, ging und geht mir manchmal auf den Sack, weil er mich manchmal zum Heulen bringt. Fusion kam mir eh nicht ins Haus und den Rest der Schallplatten hatte ich mittlerweile für wenig Geld verkauft. Die handsignierten Kraftwerkscheiben für verfuckte 60 Euro, immerhin pro Stück.


unveröffentlichtes Manuskript, Berlin, 2021

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