Kreuzberger Chronik
Oktober 2021 - Ausgabe 233

Kanzlei Hilfreich

Jens Hilfreich und drei Damen


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von Kajo Frings

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Das hatte Jens Hilfreich auch noch nicht erlebt. 3 junge Frauen saßen in seinem Büro und bettelten darum, von ihm vertreten zu werden. Sie wollten eine Sammelklage erheben gegen Frank Heister. Jede von ihnen wollte Schadenersatz verlangen, weil Frank ein Verhältnis mit den beiden anderen hatte. Jens begann ihnen auseinanderzusetzen, dass sie subjektiv alle dasselbe Interesse hatten: Sie wollten Frank finanziell bluten zu sehen. Aber objektiv waren ihre Interessen gegenläufig. Schließlich wollte jede ihren Teil des Kuchens, aber was, wenn der Kuchen nicht für alle reichte? Als Anwalt durfte er keine entgegengesetzten Interessen vertreten und wenn im Laufe eines Prozesses doch plötzlich Uneinigkeiten auftraten, müsste er das Mandat für alle Beteiligten niederlegen und auf jeden Honoraranspruch verzichten.

Aber da Jens Hilfreich seinem Namen alle Ehre machen wollte, hörte er sich für- und vorsorglich den Sachverhalt in Ruhe an: Frank Heister war das, was man früher einen Lebemann nannte, getreu dem Dichter Heinz Erhardt: »Wenn einer viele Frau’n sich nahm, so nennt man sowas »polygam«, genügt ihm aber eine schon, nennt man den Zustand »monoton«.

Außer Frauen sammelte Heister Apple-Produkte. Vor einiger Zeit hatte er sich die neue Uhr gekauft. Also genauer, er hatte sie bestellt. Gezahlt hatten- ohne voneinander zu wissen - die Frauen, die in Jens’ Büro saßen, nennen wir sie Anita, Birgit und Constanze.

Diese Apple-Watch war eine eierlegende Wollmilchsau. Sie erinnerte ihn stündlich daran, Wasser zu trinken, maß den Blutdruck, erinnerte ihn an die Geburtstage seiner Freundinnen und, und, und. Auf jeweiligen Wunsch hatte er Anita, Birgit und Constanze als »Notfallkontakte« gespeichert. Das sollte sich rächen.

Abgesehen von seiner chronischen Geldknappheit hatte Frank noch ein »Problem«, er trank erheblich mehr Alkohol als die WHO empfahl. Und eines Abends, als er nach Verlassen des Heidelberger Krugs noch im Kleinen Weinstock eingekehrt war, verließen ihn vor der Wohnungstür im vierten Stock die Kräfte. Das nahm seine Uhr zum Anlass, aus der ruckartig beendeten Abwärtsbewegung auf einen Sturz zu schließen. »Anscheinend bist du gestürzt!« sagte sie, und als Frank nicht reagierte, wählte die Uhr die 112 und gab Franks Telefonnummer und Lagekoordinaten bekannt.

Dann meldete sie den Handys von Anita, Birgit und Constanze per SMS: »Frank Heister ist anscheinend in der Nähe der F…Straße … gestürzt. Der Notruf wurde informiert.« Da Frank auf Anrufe nicht reagierte, trafen sich kurz darauf vor seiner Wohnung ein genervter Notfallsanitäter und drei besorgte Frauen, die sich mit »Wer bist du denn«? - anredeten. •

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