Kreuzberger Chronik
November 2021 - Ausgabe 234

Geschichten & Geschichte

Märkte am Ufer


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von Werner von Westhafen

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Auf dem idyllischen Chamissoplatz gibt es samstags einen kleinen Markt mit Obst, Gemüse und Fleisch aus dem Umland. Auch am Südstern hat sich ein Wochenend-Markt mit exquisiten Käsen, exorbitant teuren Olivenölen und Espressobar etabliert. Sowohl der Biomarkt am Chamissoplatz als auch der Markt am Südstern dienen weniger der Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse als der Wochenendgestaltung eines gehobenen Mittelstandes. Wer hier einkauft, hat einen gut bezahlten Job. Wer den nicht hat, der kauft bei Penny oder Netto.

Im 19. Jahrhundert war die Situation seitenverkehrt. Vor den hölzernen Theken der Lebensmittelgeschäfte standen die Hausmädchen der Reichen, um den Einkauf für die »gnädige Frau« zu tätigen, während die Armen in ihren Holzpantinen im Schlamm der Wochenmärkte um Kartoffeln und Heringe feilschten. Wer etwas auf sich hielt, mied den Markt mit seinem Geschrei und seinen einfachen Leuten.

Um den Reichen den Pöbel und die Armut vor ihrer Haustür zu ersparen, beschloss der Magistrat, die Märkte vom Gendarmenmarkt und vom Alexanderplatz an die Oranienstraße zu verlegen. Offiziell begründete man den Umzug mit der Nähe der Luisenstadt zu den Bauern aus dem Oderbruch, die mit ihren Fuhrwerken ohnehin im Südosten der Stadt ankamen. Auf ihrem Weg zur Innenstadt sorgten sie für die erste Rush Hour Berlins. Der gewissenhafte Polizeihauptmann Groß zählte im Dezember 1862 an einem einzigen Markttag 238 Getreide- und 125 Heuwagen, die eine »Stellfläche von 6900 Fuß für Getreide- und 4900 Fuß für die Heuwagen« beanspruchten – beinahe 4 Kilometer! Hinzu kamen Obst- und Gemüsehändler, Fisch- und Fleischstände.

Der erste Markt im Süden wurde 1854 am Moritzplatz eingerichtet, der noch ungepflastert und staubig war, weshalb man schon bald eine Verlegung zum Oranienplatz anvisierte. Die Bevölkerung der Luisenstadt mit ihren Mietskasernen wuchs rasant, und so wurden ab 1863 sowohl auf dem Moritzplatz als auch auf dem Oranienplatz Märkte abgehalten. Die Ausdehnung der Märkte im Süden sei notwendig, »da auf diesen Märkten die Preise (…) bedeutend billiger sind, auch die dort feilgehaltenen Artikel besonders von der ärmeren Klasse in Anspruch genommen werden, die Bewohner dieser Stadtteile aber namentlich dem Arbeiterstand und der ärmeren Klasse angehören.«


Kirschen und Tomaten aus Werder in der Sebastianstraße

Nach und nach rückten andere Märkte nach, der Getreide- und Heumarkt sowie der Holz- und Torfmarkt zogen an die Oranienstraße, begleitet von Sabotageakten der Markthändler, die mit Streik drohten, weil sie in der Mitte Berlins ein besseres Geld verdienten als in der armen Südstadt. Am Ende aber fügten sie sich, und 1882 erhielt der Markt am Oranienplatz ein neues Pflaster, das am Abend mit Besen und Wasser gereinigt werden konnte. Sogar einen Brunnen hat man gegraben, sodass sich 25 Fischhändler ansiedelten, die geklagt hatten, das dreckige Kanalwasser »tödtet die Fische«. Der Markt mit seinen Ständen, die sich an beiden Seiten des Kanals bis zum Engelbecken hinzogen, erinnerte an Szenen von der Pariser Seine.

Die Immobilienbesitzer der schmucken Häuser an der Uferpromenade des Luisenstädtischen Kanals allerdings ärgerten sich über Lärm und Gestank. Sie klagten über Buden und sogar Pferde auf dem Bürgersteig. Der Markt würde den Wohnungen und den Läden in ihren Häusern das Licht rauben und schädige die Geschäfte. Auch könne man nicht schlafen, da die Bauern mit ihren Fuhrwerken bereits zu nächtlicher Stunde anreisten, um ihre Stände aufzubauen. Um zwei Uhr morgens begännen die lautstarken Feilschereien mit den Händlern der Luisenstadt, die »mit Pferde oder Hunde bespannten Wagen zum Fortfahren der gekauften Früchte erscheinen.« Das Hundegebell sei »von so schrecklicher Art, dass eine nächtliche Ruhestörung nicht grässlicher gedacht werden kann«, wer nach vorne heraus schlafe, könne von »nachts 2 Uhr an kein Auge mehr zumachen.« Die Haus-besitzer klagten über den »Auszug guter Mieter« und eine Entwertung ihrer Immobilien durch die Unreinlichkeit der Markthändler, denn die »Menschen männlichen und weiblichen Geschlechts genieren sich nicht, ihre Bedürfnisse auf der Straße zu befriedigen.«

Doch die Sorgen der privilegierten Hausherren an der Einkaufsmeile sind die geringsten, das größere Problem ist der Verkehr. Anfang der achtziger Jahre ist der Oranienplatz das aufregendste Verkehrsknäuel der Stadt, das Leben der Fußgänger wird allmählich gefährlich: »Tausende von Lastwagen, Droschken und Omnibusse gehen täglich über diesen Platz, wieder Tausende von Menschen, darunter viele Hunderte von Kindern, welche zur Schule müssen, sind gezwungen ihren Weg über diesen Platz und Brücke zu nehmen. (…) In der Zeit bis 2 Uhr kann man stets von Glück sagen, wenn man ohne gerädert zu sein den Platz passiert hat.«

1870 beschwerte sich Magistratscalculator Thiele aus der Ritterstraße bei der Polizei, dass er bei der Verfolgung seines vom Winde verwehten Hutes beinahe in eine Heugabel gelaufen sei, und dass er, als er bei der Marktaufsicht vorsprach, die Antwort erhalten habe: »Sie brauchen ja nicht so dichte daran vorbeizugehen.« Das einfache Volk und die feinen Städter gerieten immer öfter aneinander, und die Versuche des Marktaufsehers Wolffsburg, den Streit zwischen Arm und Reich zu schlichten, schlugen meist fehl. Unbeliebt auf beiden Seiten musste der arme Mann, der über kein eigenes Büro verfügte, sondern in der Nähe des Marktes zur Miete wohnte, in 16 Jahren 9 Mal umziehen. Keiner wollte ihn. Erst der Bau der Kleinen Markthalle am Luisen-ufer machte dem Leid des Marktpolizisten ein Ende. •




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