Kreuzberger Chronik
November 2021 - Ausgabe 234

Briefwechsel

Einfach mal so lassen wie es ist.


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von Lars Klingbeil

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Lars Klingbeil zum Beitrag über das Tempelhofer Feld in Nr 231


Ach, lieber Herr Siepmann, was regen Sie sich denn eigentlich so auf über den Bergmannstraßenartikel? Ob unser wertes Lokalblättchen in Ausgabe 232 nun für die grüne Radrennbahn und die Springbrunnen in der Bergmannstraße ist oder dagegen, das stört doch keinen großen Geist. Ich gebe Ihnen ja recht, soll doch ruhig ein bisschen Wasser durch die Straße plätschern, mich stört es nicht. Mich hätte es aber auch nicht im Geringsten gestört, wenn die Straße geblieben wäre, wie sie ist. Und wenn ich die Wahl gehabt hätte – die wirkliche Wahl, und nicht nur die politische – dann hätte ich mich gegen die kostspieligen Umbauten entschieden und das Geld in Schulen, Krankenhäuser, Grünanlagen und Straßenbäume gesteckt. Aber trotzdem: Ich schaue diesem verrückten Treiben relativ gelassen zu.

Anders allerdings erging es mir mit dem Beitrag aus Heft Nr. 231 zum Tempelhofer Feld. Dazu gab es bereits zwei Leserbriefe, hier ein dritter:

Dass sich die Kreuzberger Chronik, ein in meinen Augen eher unpolitisches Blättchen, seit Jahren für den Erhalt der beliebtesten Grünfläche Berlins engagiert, ist mehr als löblich. Wer die jahrzehntelange Rangelei zwischen Volk und Staat um das Grundstück verfolgt hat, der kann nur den Kopf schütteln darüber, mit welcher Verbissenheit die Politik hier auftritt und mit welcher Skrupellosigkeit sie die Medien vereinnahmt. Man muss sich nur einmal die Überschriften des SPD-treuen Tagesspiegel zum Thema Tempelhof durchlesen: »Mehrheit der Berliner für Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld.« - »Klimaforscher plädiert für Randbebauung des Tempelhofer Feldes.« - nur zwei von vielen verdächtigen Titeln.

Jeder halbwegs neutrale Beobachter wird sich die Frage stellen, warum man nicht endlich die Finger lässt von dieser letzten echten Volkswiese. Warum man uns nicht einfach mal in Ruhe lässt. Es gibt in ganz Berlin nichts Vergleichbares, keinen Ort, an dem sich die Menschen mit ihren vielfältigen Interessen so entfalten können wie auf dem Tempelhofer Feld. Nirgends innerhalb der Stadtgrenzen gibt es einen derartigen Freiraum. Das haben nach den Linken nun endlich auch die Grünen kapiert und sich nach langem Zögern dafür ausgesprochen, die grüne Wiese im Herzen Berlins vor Investoren zu schützen. Auf eines ihrer Wahlplakate am Tempelhofer Damm schrieben sie, durchaus den Nerv der ganzen Angelegenheit treffend: »Warum nicht einfach alles mal so lassen wie es ist?«

Doch auch nach dieser Wahl ist das Feld für uns noch nicht gewonnen. Die Grünen sind nicht allein, die SPD sitzt mit am Tisch. Und deshalb bitte ich darum: Weiter schreiben darüber!

Lars Klingbeil

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