Kreuzberger Chronik
November 2021 - Ausgabe 234

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Partei aus Kreuzberg


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von Reiner Schweinfurth

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In der Kopischstraße am Kreuzberger Wasserturm befindet sich die Zweigstelle einer politischen Partei. Ihren Hauptsitz hat sie in der Admiralstraße, ihre Wahlparty feiert sie im SO36, und ihre Parolen sind radikal: Eine echte Kreuzberger Partei.



Nora Röhner und Martin Sonneborn
auf Wahltour (Fotos: Christian Jäger )


Ende August. Die Sonne lacht, die Menschen in der Admiralstraße haben gute Laune. Bald sind Wahlen. Im ehemals besetzten Haus, der früheren Zentrale der KPD/RZ (Kreuzberger Patriotische Demokraten / Realistisches Zentrum) trifft sich DIE PARTEI regelmäßig. Schlaue Leute, die nichts so richtig ernst nehmen. Sinnstiftung ist verdächtig. An der Bar gibt es Alkohol. Im Vorraum ist das Rauchen erlaubt.

Wer eine Lösung anbietet, ist ein Lügner, wer was verspricht, wird es nicht halten, und wer Politik macht, stopft sich sowieso nur die Taschen voll. Kreuzberger dagegen machen keine Kompromisse. »Die Arbeit in der Bezirksverordnetenversammlung ist völliger Blödsinn«, sagt Torben Denecke, 38, dortiger Vertreter der Spottvereinigung. »Alles versackt im Konsens. Furchtbar!«

Wenige Mandatsvertreter führen das politische System so vor. Die dumpfe Ahnung, oft uneingestandene Gewissheit, dass die Gesellschaft eine Zwangsgemeinschaft zugerichteter Idioten ist und nicht mündiger Bürger, bildet einen gewissen Konsens in der Partei.

Ein Programm für Kreuzberg? Wohl eher nicht! Die Entscheidung, für oder gegen etwas zu sein, ergibt sich aus der Situation. Als die AfD ein Polizistendenkmal beantragte, forderte die Kreuzberger Partei im Gegenzug ein Mahnzeichen für die Opfer von Polizeigewalt. Wurde abgelehnt. Bei der Umbenennung des Heinrichplatzes zur Erinnerung an Rio Reiser winkte sie ab und schlug Nina Simone als Alternative vor. Wieder abgelehnt. So ist es meistens.

Vielleicht ein bisschen konstruktiver? Riza Cörtlin, Veteran der Kreuzberger Protestbewegung, zieht die Augenbrauen hoch. Falsche Frage! »Aber wir sind Freunde, keine Feinde«, sagt die Landesvorsitzende Marie Vux Geissler. »Die Heuchler sind in den anderen Parteien! Wir streben die Weltherrschaft an. 100 Prozent plus – das ist unser Ziel. Alles andere wäre unsportlich.« Die Verhältnisse durch Satire auf den Kopf stellen. Irgendwo steckt die Wahrheit. Auf keinen Fall da, wo der Rest der Welt sie ausfindig macht. Klimaschutz? E-Autos für alle!

Bei der Parteienfinanzierung, von der auch alternative Parteien leben, hält die Organisation die Bücher offen. 31 Euro Aufwandsentschädigung pro Versammlung im Rathaus an der Yorckstraße mäßigen die Korruptionsbereitschaft.

Die Partei wurde seit 2004 in fast 300 Bürgervertretungen Deutschlands gewählt. Damit sind 60.000 Mitglieder für die etablierten Parteien erst mal verloren. Außerdem lebt auch die politische Alternative von der Parteienfinanzierung. »Jede Stimme bringt bis zu 90 Cent. Da der Topf für diese Zuschüsse gedeckelt ist, entzieht jede Stimme für uns den anderen Vereinen Geld«, sagt Torben Denecke. Klassische Umverteilung! Doch viele Wähler wissen das einfach nicht.

Bei der Hauptkundgebung vor der Bundestagswahl auf dem Potsdamer Platz lässt ein Redner der Partei seinem Zorn über die Borniertheit der deutschen Wähler freien Lauf: »Ihr seid dumm!« Die Menge lacht und skandiert: »Wir sind dumm! Wir sind dumm«. Er wettert weiter: »Seit Jahrzehnten werden die immer gleichen Gangster an die Macht gebracht. Es ist zum Durchdrehen. Die einzige Hoffnung, dass sich was ändert, ist DIE PARTEI.« Sympathisanten und Mitglieder in grauen Anzügen, weißem Hemd und roter Krawatte rufen sich Mut zu: »Die Partei! Die Partei hat immer recht.«

Polizisten patrouillieren durch die Versammlung. Eine Rad-Demo fährt vorbei. Ein Alt-Freak winkt sie heran. Niemand hält. Annie Tarrach, die Spitzenkandidatin für das Abgeordnetenhaus moderiert. Sie trägt einen neuen Song vor. Marie Vux löst das Genderproblem: Männer und Frauen abschaffen, Einheitsgeschlecht für alle, alles andere ist sexistisch. Klonen – das ist die Lösung. Liebe wird in Vergessenheit geraten. Sex bindet sowieso viel zu viel Zeit. Dann kommt das Kompetenzteam auf die Bühne. Eine sachverständige Riege aus Wissenschaftlern und eine Konfliktforscherin, die die sinnlosen Friedenseinsätze der Armeen erklärt. Einer klärt auf und sagt, dass der Berliner Bankenskandal, der vor zwanzig Jahren von der CDU maßgeblich mitverschuldet wurde, immer noch Geld kostet. Die Zinsgarantien für Anteilseigner gelten bis heute. So ist der Kapitalismus. Kapitalismus hat kein schlechtes Gewissen. Aber das interessiere ja niemanden. Den damaligen Kronzeugen, Lars Oliver Petroll von der Immobilienfirma Aubis, fand man übrigens 2004 erhängt an einem Baum. Die Staatsanwaltschaft hatte schnell einen Selbstmord ermittelt. Zweifel allerdings blieben.

Einen wirklich investigativen Coup während des Wahlkampfes landeten Martin Sonneborn und seine Aktivisten, als sie sich undercover bei einer Digital-Agentur in London nach Wahlhilfe erkundigten. Tatsächlich versprachen die britischen Netzspezialisten den Kreuzbergern, für 800 000 Euro mit Hilfe der sozialen Medien eine Regierungsbeteiligung herbeizumanipulieren. Die Partei lehnte dankend ab.

Die typische Mischung aus Fakten, Hohn, Beleidigung, sich raufenden Haaren und dem Ehrgeiz, es dem korrupten Establishment zu zeigen, teilt sich auf dem Potsdamer Platz ausführlich mit. Dann noch ein paar revolutionäre Lieder vom Kreuzberger Männerchor. Aber die Sehnsucht nach Revolte ist nicht so glühend wie früher einmal. Mancher von der Spezialistentruppe ist inzwischen eher pragmatisch. Eine der Rednerinnen auf der Bühne gibt, im Gegensatz zu den Sprechern der etablierten Partein, offen zu: »Wenn ich gewählt werde, freu‘ ich mich erst mal über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ich hab‘ genug von befristeten Jobs. Ich brauch‘ das Geld. Ganz einfach!«

Eine Woche später wird gewählt. Alle Befürchtungen der Partei haben sich bestätigt. Scholz, Laschet, Baerbock und Lindner zerlegen Deutschland wie eine Weihnachtsgans. Im SO 36 wartet die Partei auf die Ergebnisse. Das Bier ist günstig, 2 Euro. Eine Tombola verlost T-Shirts. So was muss heute schon sein. Natürlich mit einem Augenzwinkern. Wir tun nur so wie die anderen, sind aber ganz anders.

In einer Pause auf der anderen Seite der Oranienstraße: Zwei Frauen lehnen an der zusammengeklappten Auslage eines Lebensmittelgeschäfts, trinken Bier. Sagt die eine: »Ich vermiss‘ die APPD!« Die Anarchistische Pogo Partei Deutschlands, eine Vereinigung schamloser Hedonisten, die ihre Listenplätze danach vergab, »wer am weitesten pissen konnte. Die waren richtig lustig. Richtig krass. Die hätten sich nie so behandeln lassen.« Gegenüber marschiert Polizei auf, gängelt die Besucher der Wahlparty. Niemand macht Ärger. Warum auch? APPD – das war einmal. Aber da waren alle auch jünger. Auch Punks gehen in Rente. Das wilde, schnelle Leben war geil, aber heute sollen die Jüngeren mal Krawall machen. Machen sie aber erst mal nicht. Wählen Grüne und FDP, ängstigen sich ums Klima und die Karriere und nicht um den Preisanstieg alkoholischer Getränke.


Die Wahkampf-Trabbi-Strechlimousine vor dem Parteibüro in der Kopischstraße

Das Ergebnis kommt spät in der Nacht und ist ernüchternd. In Kreuzberg verliert DIE PARTEI ihren Fraktionsstatus: Von einst einmal vier Vertretern sitzen jetzt nur noch zwei im Bezirkskabinett. Die alten sind auch die neuen Abgerordneten: Torben Denecke und Riza Cörtlen. 8.823 Kreuzberger gaben ihnen ihre Stimme, das sind diesmal leider nur 5,2 Prozent der Wähler. Es waren einmal mehr. Stadtweit jedoch haben sie gar nicht schlecht abgeschnitten: 36.304 Wähler stimmten für die Partei mit lustigen Parolen wie »Wirecard für alle!« oder »Abfuckprämien für SUVs!«

Jetzt hofft man im Parteibüro an der Yorckstraße auf Neuwahlen aufgrund der Pannen an den Wahlurnen. Vielleicht klappt ein Neustart nächstes Jahr. Doch das Zimmer, pinke Wände, goldener Türrahmen und rosafarbene Sitzkissen, müssen die Kreuzberger wohl bald verlassen. »Nein, wir sind nicht enttäuscht. Wir müssen wütend bleiben«, sagt Riza. Bei der letzten Wahl traten noch die Rapper von K.I.Z. oder Serdar Somuncu auf. Aber es gäbe immer Leute, die sich dranhängen und dann wieder verschwinden.

Letztendlich sei aber der Wähler Schuld. »Der Wähler ist stur«, sagt Riza, hauptberuflich Händler für Tonstudioausrüstungen. »Die junge Generation ist weniger enthusiastisch. Die Leute, die etwas verändern wollen, sind weniger geworden.« Aufgeben werden die Kreuzberger deshalb trotzdem nicht. Denn Riza weiß: »Wir haben die schlausten Wähler!« •




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