Kreuzberger Chronik
November 2021 - Ausgabe 234

Hausverbot

Im alten Alptraum


linie

von Michael Unfried

1pixgif
Es ist traurig, wenn der Zapfer hinter dem Tresen just im spannendsten Moment der Erzählung seines Gastes plötzlich sagt: »Sorry, aber ich muss jetzt arbeiten.«

Jüngere und weniger routinierte Tresenkräfte warten zumindest eine Pause im Monolog des Gastes ab, um auf den Geschirrspüler hinzuweisen, der ausgeräumt werden muss. Berliner Bardamen wiederum, die sich nicht nur gegen langweilige Reden, sondern auch noch gegen männliches Brunftgehabe verteidigen müssen, zögern keine Sekunde, um ihre Gäste mit Sätzen wie: »Du, pass mal uff, ick bin hier ja nicht deine Mami!« oder »Geh mal lieber in die Kirche, wenn Du beichten musst!« zu überraschen.

Im alten Alptraum an der Katzbachstraße, der zehn lange Jahre lang leer stand und in dem sich nun eine Lieferfirma eingemietet hat, die Konsumgüter aller Art direkt bis an die Wohnungstür bringt, hatte die weibliche Tresenkraft nicht nur zwei respektable Brüste, sondern auch Haare auf den Zähnen. Sie beherrschte den Berliner Dialekt fehlerfrei, obwohl sie ganz woanders geboren war, und selbst die harten Jungs mit den Harleys und die tätowierten Drogendealer ließen sich von ihr nicht zwei Mal bitten, wenn sie Feierabend machen und abkassieren wollte. Annika war eine Institution.

Auch mit Frauen kam sie gut klar. Wenn eine glaubte, als Frau genieße sie Sonderrechte, flog sie raus. Ein Wort der Tresenkraft, und die Damen zogen ihr Handtäschchen am Riemen und verschwanden. Aber sie kamen wieder - im Gegensatz zu den beleidigten Männern.

Bis auf die brustlose Frau mit dem strengen Lehrerinnengesicht, eine von unzähligen Niederlagen frustrierte Bürgerrechtlerin, die nichts Gutes mehr fand an dieser Welt. Die Stammgäste standen auf und gingen, wenn sie nur in ihre Nähe kam. So blieb sie immer an Annika hängen, die, während sie zapfte und Bierkrüge durch die Wirtschaft trug, die Lehrerin einfach reden ließ, selbst wenn die der Vollbusigen bis hinter den Tresen folgte, ein deklariertes Sperrgebiet, das auch von den tätowierten Lederhosenträgern niemand zu betreten gewagt hätte. Sie aber folgte ihr sogar bis in die kleine Küche mit den Schmalzstullen. Niemand verstand, warum Annika die Lehrerin duldete, einige meinten, sie habe Mitleid mit dem busenlosen Wesen.

Eines Tages kam es zur Katastrophe. Annika wollte eine Boulette mit Salatblatt aus der Küche holen, drehte sich um und rammte mit ihrem Balkon die Lehrerin, die hinter ihr gestanden und geredet hatte. Der Teller zerbrach, die Lehrerin murmelte »Oh, Entschuldigung!« und wollte schon ihre Rede fortsetzen, da streckte Annika nur Arm und Zeigefinger aus und deutete schweigend zur Tür.

Danach sah man die Lehrerin in anderen Kneipen unterrichten, im Alptraum aber wurde sie nie wieder gesehen. •




zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2022, Berlin-Kreuzberg