Kreuzberger Chronik
Mai 2021 - Ausgabe 229

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Kreuzberger Fragmente (3)


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von Leon Kosnik

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Er hat es geschafft. Und nun nahm er sein altes Leben wieder in die Hand und die Lehre wieder auf. Für 25 Mark im Monat, ausgerechnet bei einem Mann, der zuvor am Kurfürstendamm Görings Reitstiefel gefertigt hatte, lederne Kunstwerke, 750 Gramm leicht. Und Fischerstiefel mit Schweinsblase und glänzende Hochzeitsschuhe.

1957, zwölf Jahre nach dem Beginn der Lehre, hielt er endlich den Meisterbrief in der Hand, und weil er von jenseits der Oder kam, begann er noch im selben Jahr als Werktstattleiter bei der Volksarmee nicht weit von Königs Wusterhausen. Und war wieder auf der falschen Seite. Wieder durchkreuzte die Politik das Leben des Schuhmachers.

Schon drei Mal hatte er wegen des defekten Reglers an der Schuhpresse vorgesprochen, doch es gab keinen Ersatz. Als eines Nachts die Werkstatt Feuer fing, wird Ludwig vorgeladen. Vor ihm steht Oberleutnant Schirmer vom Staatssicherheitsdienst: »Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?« Ludwig steht Rede und Antwort, aber er kann den Verdacht der Sabotage nicht abwenden. Als er den Hof betritt, ruft man ihm hinterher, er solle nicht versehentlich die falsche Richtung einschlagen. Die falsche Richtung wäre die richtige gewesen: der Westen!

Wenige Tage später verhaftet man ihn. An der Tür zum Vernehmungszimmer stehen zwei Männer, das Bajonett aufgepflanzt. Wo er sich gestern abend aufgehalten habe. Doch Ludwig hat ein Alibi. Drei Tage später wird er wieder verhaftet. Als er nach dem Grund fragt, antwortet man: »Das werden wir schon sehen!«

Später heißt es, man habe ihn dabei beobachtet, wie er die Fahne der Deutschen Demokratischen Republik vom Dach eines Wirtshauses geholt habe. Wieder verfrachtet man ihn auf einen Lkw und bringt ihn nach Köpenick ins Gefängnis. Sechs Wochen wartet er diesmal, doch niemand kommt. Kein einziges Verhör findet statt. Es war wie damals, im Krieg, als sie tagelang in diesem Zimmer standen, ohne eine Möglichkeit, sich zu setzen, sich einmal kurz auszuruhen. Als sich eines Tages auch diese Tür wieder öffnet, geht der Schuhmachermeister nach Westen. Es ist das Jahr 1959.

Seitdem wohnt und arbeitet er in seiner kleinen Werkstatt nahe beim Marheinekeplatz. Mit dem Lädchen ist er zufrieden. Es reicht ihm, um ein ruhiges Leben zu führen. Von früher spricht er nicht gerne. Noch immer wacht er nachts manchmal auf und zittert. Das ist die sibirische Kälte, die tief in den Knochen steckt.

Seinen Kunden empfiehlt er wetterfeste Schuhcreme anstatt des altmodischen Fetts, das gerade wieder in Mode gekommen ist. Er schmunzelt. Nicht alles, was früher war, war gut.


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