Kreuzberger Chronik
Mai 2021 - Ausgabe 229

Kreuzberger
Uta Ruge

Sprechen Sie mit ihrem Nervensystem


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von Reiner Schweinfurth

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Weg. Nach England mit fünf Taschen. Einfach weg. Deutschland ist erst mal abgehakt. Taz-Redakteurin, Lektorin - ein intensives Stück Leben liegt hinter ihr. Aber jetzt will sie reisen. Reisen und schreiben. Das will sie lieber als alles andere. Weg aus Deutschland.

Ein Entschluss mit Folgen. Sie bleibt 13 Jahre in London. Und dabei spricht sie zu Beginn nicht einmal gut Englisch. England, weil sie da Leute kennt; weil sie Leute trifft, die ihr allerhand zutrauen, weil sie da arbeiten und Geld verdienen kann. Uta Ruge wird in London freie Radio-Journalistin für den WDR, Mitarbeiterin bei der Zeitschrift Index on Censorship, die sich der Meinungsfreiheit verschrieben hat, und sie schreibt für deutschsprachige Zeitungen.

Geboren ist sie auf Rügen auf einem Neusiedler-Hof. Die Eltern entziehen sich der Zwangskollektivierung, die Familie wird durchs Nachkriegsdeutschland geschubst, landet erst mal in Krefeld und der Vater, ein stolzer Landwirt, in der Fron der chemischen Industrie.

Die Familie schafft nach vier Jahren den Absprung und übernimmt einen Bauernhof im Moor an der Niederelbe, in Neubachenbruch. Hier wächst sie auf und arbeitet. Jede Hand wird gebraucht.

In der Dorfschule teilen sich acht Jahrgänge einen Raum. »Wir bekamen unglaublich viele Themen mit, die heute erst viel später dran sind.« Im Gymnasium verreisen manche Kinder schon ins Ausland. Uta kommt bis zu ihrem 19. Lebensjahr nie weg aus Neubachenbruch. »Daher wahrscheinlich auch der Freiheitsdrang. Das Unterwegssein gefällt mir.« Was von außen wie der Mangel an Sicherheit aussehen könnte, bedeutete für sie Freiheit. »Im Dazwischen fühle ich mich wohl, bis heute.« Nur was du im Kopf hast, kannst du überall hin mitnehmen, schärften ihr die Eltern ein – Erkenntnis von Geflüchteten.

Die Übernahme des Hofes wird geregelt: der Bruder macht‘s, und Uta ist frei. Ab zum Studium nach Marburg. Germanistik und Politologie. Damals ein Zentrum der Linken. Der Antifaschist und Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth ermutigt die Studierenden, Deutschland jenseits des Kapitalismus zu denken.

Dann der Wechsel nach Berlin. Nach dem Examen ist sie beim Rotbuch-Verlag, kümmert sich um Presse und Lizenzen. Der intellektuelle Auftrieb der 70er-Jahre nimmt sie mit. Die Gründung von Rotbuch, eine Abspaltung vom Wagenbach-Verlag, war ein Zeitzeichen, ein Signal, das Kollektiv eine neue Organisationsform, der die etablierten Buchhersteller zunächst nicht trauten. West-Berlin war das Politik-Labor der Republik, in dem experimentiert wurde und wo schließlich eine andere Kultur sich durchzusetzen begann, deren Ansprüche bis heute gelten: Selbstbestimmung, Durchsetzung von Frauenrechten, Zweifel an Autorität in sämtlichen Bereichen.

Der erste Schultag in Neubachenbruch


Gerade im Verlag angefangen, liest sie ihr erstes Buch Korrektur: Vielleicht war das alles erst der Anfang: Tagebuch aus Bergen-Belsen von Hanna Lévy-Hass. »Das haute mich um!« Die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten wird zu einem wichtigen Thema. Sie freundet sich mit Amira Hass, der Tochter der kommunistischen Widerstandskämpferin an, reist immer wieder nach Israel, spricht mit Überlebenden der Shoa, beobachtet, analysiert das moderne Israel in seiner Zerrissenheit zwischen den Idealen der Zionisten und der Bedrohung durch Terrorismus und Krieg. Als Freundin israelischer Linker hat sie mit ihnen einen kritischen Blick auf die Behandlung der Palästinenser. Aber die deutsche Schuld bleibt ihr gegenwärtig.

In den achtziger Jahren gehört sie zum taz-Kollektiv in der Frauenredaktion, arbeitet eng mit Maria Neef-Uthoff zusammen. In allen Redaktionen sollen Frauen berichten, kommentieren, Themen setzen – nicht nur in einem dafür vorgesehenen Ressort. Später gibt sie Texte der Kollegin aus dem Nachlass heraus.

Alles läuft gut, doch einer persönlichen Krise kann sie nicht entgehen. Menschen sterben, Trauer setzt sich fest, der sprachmächtigen Journalistin gehen die Wörter aus. Sinn und Motivation sind nicht verfügbar. Da ist sie bereits in England und macht einen Bildhauerkurs. Einfach so. Eine Idee. »Das war was ganz Neues, eine Rettung. Als Bauernkind war Spielen nicht ganz oben auf der Liste. Unbeschwertheit auch nicht. Und jetzt musste ich nichts können. Kein Druck. Herrlich!« Sie lernt neue Menschen kennen. Und Feldenkrais. Seit vielen Jahren litt sie an Rückschmerzen. Die Arbeit in der Landwirtschaft fordert ihren Tribut, dachte sie. Oder war es vielleicht doch die Existenzangst als Freie, dieses Luftanhalten? Sie besucht einen Feldenkrais-Workshop und verlässt ihn ohne Schmerzen. Die Felden-krais-Methode, ein Initialerlebnis, das zu einer vierjährigen Ausbildung führt und zum weiteren Engagement in der weltweiten Felden-krais-Bewegung. »Sprechen Sie mit Ihrem Nervensystem«, so steht es heute auf dem Schild vor ihrer Praxis.

Wie Bewegung und Aufmerksamkeit zu einem Prozess führen, der offen ist und eine Selbsterfahrung wird, die den ganzen Menschen erfasst, begeistert sie bis heute. »Das Selbstbild, das wir uns von uns machen, ist nicht, was wir im Spiegel sehen. Wenn wir beim Bewegen nach innen horchen, geschieht sensorisch etwas, das ohne Kraftanstrengung einen Prozess in Gang setzt, der extrem entlastet, den Teilnehmern ein Selbstvertrauen gibt, das sie nicht überschätzen können und ihnen sagt: Ich kann das.« Sie unterrichtet, bietet Kurse an und hält vom traditionellen Meister-Schüler-Gefälle nicht viel. »The Touch of the Master – das braucht man nicht. Jeder kann selbst einschätzen, was bei den Übungen mit ihm passiert.«

Mit Amos Hetz am Rande einer Feldenkrais-Tagung, 2009


Inzwischen zurück in Berlin bleibt Uta Ruge – auch durch ihr mittlerweile sehr gutes Englisch – mit den internationalen Felden-krais-Vertreterinnen in engem Kontakt. Eine Großtat vollbringt sie, als sie die Basissammlung der von Moshe Feldenkrais in Tel Aviv unterrichteten Lektionen ins Deutsche übersetzt. Tausende von Seiten genauester Bewegungs-Choreographie, die den Feldenkrais-Lehrerinnen und -lehrern in Deutschland zur Sprache verhilft; auch als jahrelange Redakteurin der Verbandszeitschrift war das Benennen subtiler Körpererfahrung immer ein Anliegen gewesen.

»In England hatte ich die Wende verpasst. Als ich 1998 zurück nach Deutschland kam, traf ich auf ein extrem schlecht gelauntes Land«, erinnert sie sich. »Ich fand erst einmal keine Themen hier.« London war immer teurer geworden, das Pfund durch die Decke gegangen. Zurück in Berlin also Aufbau der Feldenkrais-Praxis in Kreuzberg. Über die Jahre hat Uta Ruge immer als freie Lektorin gearbeitet. »Dadurch hatte ich ein relativ stabiles Einkommen.«

Bücher sind ihre zweite Natur. Sie hat schon einige veröffent-licht, und im letzten Jahr ist ihr ein Treffer gelungen: Bauern, Land. Mittlerweile in der dritten Auflage, erzählt es die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang.

Sie hat viel Zeit investiert, Archive besucht, die Agrarpolitik der EU studiert, mit ihrer Familie und den Nachbarn im Moor gesprochen- und kommt zu wenig optimistischen Erkenntnissen! »Die Zahlen sind erschütternd. Um die wachsenden Bevölkerungen weltweit mit Nahrungsmitteln zu versorgen, ist ein Energiebedarf nötig, den wir noch gar nicht abschätzen können. Von 1950 bis 1990 hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt!« Bald werden es 10 Milliarden sein. Mit Ökolandbau oder der Entscheidung, sich vegan zu ernähren, ist der Welthunger nicht zu stillen. Die patriarchale Struktur in vielen Ländern verhindert eine gerechte Verteilung von Land und Ressourcen. »Die neuen, grün inspirierten Gesetze sind ebenso schlecht wie die deutsche Impfpolitik. Sie schützen weder die Natur noch die Höfe. Das Image der Bauern als Subventionsfresser, Giftsprüher und Komplizen der Nahrungsmittelindustrie ist unfair, und ihre Arbeit, deren Gerüche und Geräusche, passen nicht zum Erholungsbedürfnis der Städter, die sich eine Bullerbü-Wiese wünschen.« Dahinter steckt eine Geschichte, die so vollständig noch selten aufgeschrieben wurde.

Uta Ruges Lesungen sind gut besucht. Vier Jahre hat sie an Bauern, Land gearbeitet, sich mit dem prüfenden Blick eines Landwirts über die Scholle gebeugt, die Erde durch ihre Finger rieseln lassen. Und zu schreiben begonnen. Es war eine gute Entscheidung. Gerade wurde sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. •

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