Kreuzberger Chronik
Mai 2021 - Ausgabe 229

Geschichten & Geschichte

O ewich ist so lanck! (18):
Der Geschichte 18. Teil: Iffland



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von Eckhard Siepmann

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Sein Grabstein auf dem Friedhof II der Jerusalems- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor ist von lakonischer Kürze: IFFLAND / STARB 1814. Das Grab wurde 2010 hemmungslos restauriert, seine Patina vernichtet. In Berlin Mitte existiert eine Ifflandstraße, und in Marzahn gleich noch eine. Und doch ist es rätselhaft, wen dieses Grab eigentlich birgt.

Nähere Auskunft gibt eine Gedenktafel an einem Haus in der Charlottenstraße 33: Demnach war August Wilhelm Iffland »Schauspieler, Dramatiker und Direktor des Königlichen Nationaltheaters auf dem Gendarmenmarkt«.

Iffland erblickte das Licht der Welt 1759 in Hannover. Schon früh begeisterte er sich für das Theater. Als seine Eltern ihn zum Theologen machen wollten, haute er von zuhause ab – tingelte durch die Städte und über die Bühnen. In Mannheim hat der 19jährige erste Erfolge als Schauspieler. Als 1782 »Die Räuber« uraufgeführt wurden - Geniestreich des 22jährigen Schiller - gab Iffland den Schurken Franz Moor. «Das Theater«, so ein Zeuge, »glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum, fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nah, zur Thüre.« Schiller war begeistert, blieb sein Leben lang mit Iffland befreundet. Dessen gefeierte Schauspielkunst trug dazu bei, das Odium der Mimen als Hanswurste und Gaukler auf einen Schlag wegzupusten.

Als 1796 das Franzosenheer Mannheim durcheinanderbrachte, folgte Iffland einem lukrativen Angebot des preußischen Hofes: Friedrich Wilhelm II tilgte mit einem Federstrich die Schulden des Mimen in Höhe von 14.000 Gulden. Daraufhin übernahm der Theatermann die Intendanz am Berliner Nationaltheater und machte es zu einer der beliebtesten Bühnen Deutschlands. Täglich wurden zwei Stücke gespielt - es war das Kino seiner Zeit - bis ein Brand das Haus samt allen Kostümen und Requisiten vernichtete.

An Ifflands sexuellen Gepflogenheiten scheiterte 1809 eine Intendanz in Wien: In einer Note an die Geheime Hof- und Staats-Kanzlei heißt es, der Freimaurer sei »ein Anhänger geheimer Gesellschaften« und hege »eine unmoralische Neigung gegen sein Geschlecht.« Dennoch ging es in Berlin weiter aufwärts. 1811 wurde der königstreue Iffland Generaldirektor der Königlichen Schauspiele, inklusive der Oper.

Iffland als Nathan der Weise. Zeichnung v. W. Hensel
Iffland als Nathan der Weise. Zeichnung v. W. Hensel


Doch Iffland war nicht nur Schauspieler, Intendant und Theaterdirektor in einer Person, er schrieb auch gleich noch Dramen eigenhändig. In den 32 Jahren zwischen 1781 und 1813 erdachte er über 60 Stücke, also im Schnitt zwei pro Jahr, und das lebenslänglich! Sein erstes Stück »Albert von Thurneysen« hatte 1781 einen Achtungserfolg. Schon 1784 bescherte ihm »Verbrechen aus Ehrsucht« in ganz Deutschland Ruhm und Ehre. Es war die Zeit der großen Empfindsamkeit. Die heftige Vernunftorientierung der Aufklärung hatte die Leute erschöpft, das aufkommende Bürgertum sehnte sich nach Sentiment und Rührung. Und da fand es in Iffland ein wahres Füllhorn!

Er bescherte den mittleren Volksschichten einen tränenbenetzten Reigen aus Arbeitsamkeit, Familiensinn, Biederkeit, Sparsamkeit, Fürstenliebe, Entsagung, aufgepeitscht durch das Böse, das im letzten Akt dann doch unterliegt. Die »Veredelung der Sitten und der Gefühle« bezeichnet Iffland als Ziel seiner Stücke. Die Zuschauer sollten zu »Wohlwollen für eine gute Sache« bewegt werden. Für diesen edlen Zweck griff er beherzt und tief in die Klischee- und Kitschkiste: Die Tochter »stößt den Vater mit Schande in die Grube und entehrt ihre tugendhafte Mutter im Grabe.« - »Erst wenn das Herz gebrochen ist, wird man Herr des Schicksals.« - »Den ganzen Lebenslauf der Weiber füllen zwei Ideen aus: zu quälen und gequält zu werden.« Geradezu wollüstig badet der Empfindsame im Meer der Tränen: »Thränen sind die Sprache der Liebe.« - »Eine Thräne der Rührung auf der Wange des Gatten heiligt die Ehe.« - »Sollen die Thränen einer liebenden Tochter lauter zu dem General sprechen als das Todesröcheln zerschmetterter Kameraden?« Die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit blieben jedoch bei Iffland stets ausgespart.

Goethe schätzte dessen Dramen. „Es ist bei ihm darauf angelegt, daß nicht leicht jemand trockenen Auges herausgehen soll.“ In den 26 Jahren, in denen der Dichter des Faust das Weimarer Hoftheater leitete, waren unter den meistgespielten Dramen die von Iffland, häufiger aufgeführt als die von Schiller, Goethe oder Shakespeare. Auch in Weimar musste die Kasse klingeln. Die stadtbekannte Vorsteherin des meistbesuchten Weimarer Freudenhauses hatte für sich und ihr ansehnliches Personal eine Loge abonniert.

Und nicht nur auf der Bühne, auch im wahren Leben gab Iffland seinem Publikum Anlass genug, um in Tränen der Rührung auszubrechen. Litt doch der erfolgreiche Dramatiker in seinen letzten Lebensjahren an einem hartnäckigen Brustkatarrh, auf der Bühne war er bedroht von quälenden Hustenanfällen.

Er schloss seine Augen für immer im Alter von 54 Jahren. Das Grab grenzt an die Baruther Straße. Schräg gegenüber lag um 1970 der legendäre Leierkasten, Großmutter aller Kreuzberger Boheme-Kneipen. Bei den Säufern und Schwadroneuren wären die tränenseligen Ifflandschen Rührstücke wohl auf wenig Verständnis gestoßen. Und umgekehrt: Dem empfindsamen Dramatiker dürfte es recht gewesen sein, dass eine hohe Friedhofsmauer das laute und turbulente Pintenvolk von seiner letzten Ruhestätte trennte. •


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