Kreuzberger Chronik
Mai 2021 - Ausgabe 229

Mühlenhaupts Erinnerungen

Onkel Willi ist gestorben


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von Kurt Mühlenhaupt

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Wir waren noch am Schleppen und richteten in Kladow notdürftig ein
paar Räume ein. Es folgte ein Umzug auf Raten. Onkel Willi blieb am Chamissoplatz zurück. Er hätte uns gerne geholfen, war aber in letzter Zeit nicht mehr so auf dem Posten. Wir mußten die Wohnräume allein herrichten, ehe wir ihn nachholen konnten. Aber ganz plötzlich starb er, von einem Tag zum anderen war er mausetot. Er war nicht nur mein Bruder, er war Vater, Onkel und Freund. Er war unser aller Onkel Willi. Der Schreck war groß. Da er auch mein großes Kind war, tat es mir besonders weh. Nun hatte ich ihn auch noch wegen des Umzugs ein wenig vernachlässigt. Wenn ich zu ihm sagte, daß ich ihn nachholen wollte, kam bei ihm keine Freude auf. Er wollte nicht nach Kladow. Es fiel ihm scheinbar schwer, sich von seinen alten Freunden in Kreuzberg zu trennen.

Wie dem auch sei, jetzt war er tot. Ich mußte für die Beerdigung sorgen. Ich suchte nach einem Platz, wo er seine letzte Ruhe finden sollte. Andererseits wollte ich ihn nicht allein dort liegen lassen. Da waren ja noch meine Schwester Margarete und meine Frau, die er geliebt hatte. Und ich war ja auch noch da. Alle wollten wir mal bei Willi liegen. Er mußte noch warten. Ich suchte also die Verwaltung vom Jerusalemer Friedhof auf. Ich durfte meinen Bruder dort begraben.

Wir nahmen alle Abschied. Seine Kinder, meine Kinder, Enkelkinder, alle Kinder vom Chamissoplatz, die Portierleute Klatt aus der Blücher 13, der Weber von Wallau, Eimes und Hugo, Meister Bosse, der Textilhändler Köplin, der Freund Bielicke, ach so viele von den Straßen rund um den Chamissoplatz. Alle folgten wir dem Sarg, dem ein schwarzer Rock voranging. Er brachte Willi zu seiner letzten Ruhestätte.

Auch ich lief hinterher, vorbei an Glaßbrenner, an Adalbert von Chamisso, an Mendelssohn Bartholdy. Der Weg war weit. Ich nahm Abschied von meinem Bruder. Keiner wußte für wie lange. Aber was weiß man schon. In solchen Augenblicken ist der Tod sehr nahe. Ich stolperte also dem Sarg hinterher, dorthin, wo frischer Sand den Platz markierte. Mein Bruder wurde in die Tiefe versenkt. Ich mußte weinen, meine Tränen fielen zur Erde. Ich konnte mich nicht beruhigen. So sollte mich keiner sehen. Darum lief ich fort, immer geradeaus und ließ die ganze Trauergesellschaft allein zurück. Ich fuhr raus nach Kladow, wo für mich ein neuer Lebensabschnitt begann.







Kurt Mühlenhaupt, Rund um den Chamissoplatz, 1969 - 1975

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