Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

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Kreuzberger Fragmente (1)


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von Leon Kosnik

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Wir schreiben das Jahr 1999. Aber wer von draußen ins Schaufenster blickt, glaubt eine vor Jahren verlassene Schusterwerkstatt vor sich zu sehen: Schuhkartons der Firma Herkules, Dosen mit Schuhcreme von Collonil, Lederriemen und Schnürsenkel. Im Regal warten stapelweise die verstaubten Strumpfpackungen von Belinda und Ariane auf Kundschaft. Drinnen dann drei Etagen voller Stiefel, Stöckelschuhe, Sandalen, Wanderschuhe, frisch besohlt, genäht und mit neuen Absätzen versehen. Nicht von Computern ausgedruckte Nummern, sondern mit Bleistift auf ein Stück Karton notierte Namen halten die Identität der Schuhbesitzer fest. Der letzte modische Einfluss kommt aus den Siebzigern: Einige Paare holländischer Clogs. Dann scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Hinten brennt einer der letzten Holzöfen der Bergmannstraße, es riecht nach Leder und starkem Leim. Hermann, der Schuhmachermeister, kann eine halbe Stunde von den Vorzügen dieses Leimes erzählen, den er seit ewigen Zeiten verwendet. Er greift noch immer zur Aale und zur Nadel, wenn der Schuh es wert ist. Die meisten Schuhe sind es aber nicht mehr wert. Es ist schon spät, und zu Hause wartet die Frau. Aber Hermann hat zu erzählen begonnen. Er erzählt nicht oft. Und er beginnt langsam. Dann aber überschlagen sich die Worte und auch die Ereignisse. Es war im Januar 1945, Ende Januar. Fünfzehn Jahre war er damals alt.

Man hatte sie in einer Baracke zusammengetrieben, dreißig, vierzig Männer, junge und alte. Sie warteten, tagelang schon. Warteten darauf, dass man sie wieder laufen ließ. Jedesmal, wenn sie draußen die Stiefel näherkommen hörten, dann schlug das Herz all dieser Leute in der Baracke in einem gemeinsamen Takt. Dann hofften sie alle nur eines: Dass sich die Tür öffnen und dass man diesmal ihren Namen aufrufen würde. Dass man diesmal sie in die Freiheit entlassen würde.

Doch wie sollten sie den Hermann aufrufen, dessen Namen sie nicht einmal kannten. Der nicht einmal registriert war. Also meldete er sich freiwillig, gab seine Personalien an. Leerte die Taschen. Einige Briefmarken kamen zum Vorschein, die zeigten den deutschen Diktator. Es gab kaum Marken mit einem anderen Gesicht, aber der russische Offizier fragte, ob Hermann vielleicht auch einer von denen sei. Hermann verneinte. Fünf Minuten dauerte das Verhör, doch am Ende unterschrieb er ein acht Seiten langes Protokoll. In einer Sprache, die er nicht verstand. Aber ihm war klar geworden, dass es keinen anderen Weg aus diesem Zimmer gab als diese Unterschrift - auch wenn es das eigene Todesurteil wäre, das er da unterschrieb.

(Fortsetzung in einem der kommenden Hefte)

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