Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

Kreuzberger
Chandro W. Ohmert

Alles ist möglich.


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von Hans W. Korfmann

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Es ist nur ein kleiner Laden in der Urbanstraße, nicht weit vom Café Nova an der Körtestraße. Zuerst zieht ein Poster mit Keith Richards die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, dann Jimi Hendrix mit seiner Gitarre. Daneben wiederum sitzt in aller Seelenruhe Buddha.

Klopft man an der schmalen Tür, die früher zu einer Shisha-Bar gehörte, erscheint hinter der Scheibe das freundliche Gesicht eines älteren Mannes. Späht der Besucher an dem Gesicht vorbei ins Innere des Ladens, sieht er zwei Gitarren in der Ecke hinter einem Sofa neben zwei hohen Farnen. Öffnet sich dann die Tür, erreichen Duftwolken von Räucherstäbchen das olfaktorische Sinnesorgan des Betrachters und lassen keinen Zweifel daran: Bei diesem Lädchen muss es sich um einen Indienshop mit Patschouli und Silberschmuck oder um einen übriggebliebenen Plattenladen aus den Siebzigern handeln. Auch das freundliche Gesicht dieses Mannes stammt noch aus einem anderen Jahrhundert. Es strahlt eine Ruhe aus, die in der Hektik heutigen Lebens als ausgestorben gilt, und die selbst der teuerste Seelencoach den teuersten Managern der Republik in täglichen und jahrelangen Sitzungsmarathons nicht antraineren könnte.

Das lächelnde Gesicht überrascht jeden, der zum ersten Mal an die Tür der Nummer 34 klopft, aber diejenigen, die nicht von weit her angereist, sondern Nachbarn aus dem Kiez sind, überrascht es am meisten. Sie haben das Gesicht schon oft gesehen, auf der Straße, in den Kneipen, vor den Cafe´s. Chandro ist am Südstern aufgewachsen, keine fünf Minuten entfernt, ein uralter Kreuzberger. Mit langen Haaren, Nickelbrille, Halstuch, umgeben von einem Fluidum, das noch aus jenen fernen Hippiezeiten stammt, als es um Frieden und um Blumen, nicht um Computer ging. Da stehen die Nachbarn dann und trauen ihren Augen nicht und murmeln ungläubig: »Ach, du bist das?!«

Ja, er ist das. Dieser sagenhafte Computerfachmann, von dem alle erzählen. Ausgerechnet dieser lächelnde Guru hat sich einen der stressigsten Berufe des 21. Jahrhunderts ausgesucht: Er löst Computerprobleme. Auf seiner Karte stehen »PC-Sprechstunde, Workshops, Crashkurse und individuelle Hilfe«. Im Grunde aber, sagt Chandro, sei er «Problemlöser«. Denn so ein Computer sei meistens kein Problem, es sei denn, die Hardware ist zerstört. Das eigentliche Problem - aber das würde Chandro niemals aussprechen, das steht höchstens ganz klein zwischen den Zeilen - sind die Kunden selbst.

Die sitzen also im Beratungszimmer auf dem Sofa vor einer Schale mit chinesischem Räuchertee und hören, was der Meister des Elektronengehirns erzählt. Nämlich, dass sie sich nicht sorgen sollen. Weil sie es sind, die die Maschine in der Hand haben, und nicht umgekehrt. Dass sie nicht zu verzweifeln brauchen, wenn plötzlich sämtliche Daten verschwunden sind, denn nichts in diesem Universum könne verloren gehen, alles komme wieder. Zuerst skeptisch, dann aufmerksam, am Ende lächelnd lauschen die von ihrem Computer zutiefst enttäuschten Patienten in Chandros Praxis dem Kreuzberger Computerguru.

Und glauben ihm. Zurecht. Chandro hat diese Maschinen studiert, da hießen sie noch Amiga, Atari oder Commodore. Eigentlich hatte der Gitarrist nur die Anlage im Tonstudio einrichten wollen, aber am Ende war er abgetaucht ins Innere des Computers. Einige Jahre später reservierte sich das Arbeitsamt den arbeitslosen Ein-Euro-Jobber für den eigenen Bedarf. Der Sozialhilfeempfänger wurde zum IT-Fachmann im Rathaus Kreuzberg, und sogar der schmunzelnde Ulrich Wickert widmete ihm in den Tagesthemen der ARD einen dreiminütigen Beitrag. Abenteuer Soz hieß das Internetportal, das Chandro mit Mitarbeitern des Amtes einrichtete, damit die Bedürftigen sich im Dschungel der Paragraphen zurechtfanden. »Es war ja so, dass einem die Beamten die Tipps und Tricks, die das Leben von Arbeitslosen etwas komfortabler hätten gestalten können, nicht freiwillig verrieten. Da musste man nachfragen und nachfragen.«

Ein Jahr lang war die Seite online, Tausende von Besuchern wurden verzeichnet. Dann stieg er aus. Wegen der fehlenden Unterstützung im Amt. Weil er nun aber nicht länger für einen Euro arbeiten wollte, eröffnete er diesen Laden: PC-Service in Kreuzberg. Kundschaft hatte er ohnehin schon, wegen des »Computertags« im Cafe Grundgehalt in der Fichtestraße. Wenn die Kneipe Ruhetag hatte, veranstaltete Chandro Computersitzungen für Bedürftige. Manchmal war an den Ruhetagen mehr los als an den Wochenenden.

Was Chandro anpackt, klappt. Daraus resultiert sein Gottvertrauen, sein Optimismus, und dieses Lächeln, wenn wieder einmal jemand heulend vor der Ladentür steht. »Dazu muss man wissen: So ein Computer geht ja immer im ungünstigsten Moment kaputt. Da hat jemand gerade seine Doktorarbeit fertig, drei Jahre daran gesessen, und plötzlich ist die weg. Wie verzaubert. Alles weg...!« Und dann stehen sie da mit roten Augen, vollkommen verzweifelt, und dieser Langhaarige mit den Kettchen und den Ringen, »dieser Geisteskranke!«, lächelt sie nur an und sagt: »Keine Sorge, nichts geht verloren. Es wird alles gut!« Und wenn sie zwei Stunden später den mit dem Duft indischer Räucherstäbchen und der Musik von King Crimson oder Ravi Shankar oder John Mclaughlin geschwängerten Raum wieder verlassen, sind sie glücklich wie die kleinen Kinder. »Die Leute kommen unglücklich herein und gehen glücklich wieder raus. Gibt es Schöneres?«













Chandros Optimismus ist nicht antrainiert, er ist keine Folge indischer oder amerikanischer Gehirnwäsche, keine Verkaufsstrategie und kein psychologischer Kunstgriff. Sein Optimismus ist Lebenserfahrung. Er hat einfach viel zu viele Jahre lang Glück gehabt. Genau so, wie es Bhagwan einst in Poona prophezeite: »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dein Weg ist vorbereitet. Es wird alles gut.«

Drei mal hatte Chandro sich ein Fünfjahresvisum für Indien besorgt, er konnte kommen und gehen wie er wollte. Das tat er auch, zehn Mal ist er in Indien gewesen. Und immer fügte sich alles auf wundersame Weise. »Ich war bei den Sannyasins am Mehringdamm, das erste Meditationszentrum Berlins. Als ich mich eines Abends von einem der Sannyasins verabschiede, sagt der, er würde das nächste Mal nicht kommen, er kaufe sich morgen ein Ticket für Indien. Ich sag scherzhaft, Kauf eins für mich mit - und als ich ihn ein paar Tage später zufällig auf der Straße treffe, sagt er: Das Ticket für dich hab ich gekauft. One Way!

Ich hatte aber kaum Geld! Also hab ich die Wohnung vermietet, mein ganzes Hab und Gut verkauft, sogar die Gitarren. Als ich am letzten Tag auf einer Party noch ein bisschen darauf herumspiele, kommt eine Frau und sagt, ich würde so schön spielen. Ich erkläre ihr, dass das sozusagen mein Abschiedskonzert ist, da ich verreisen würde und die Gitarre schon verkauft hätte, weil ich Geld für Indien bräuchte. Und dann fuhren wir zu ihr und sie schenkte mir diese da.« Chandro deutet auf eine der beiden Gitarren in der Ecke.

»Ein paar Tage später fliegen wir los. Von den 1800 Mark, die ich zusammenbekommen hatte, hab ich 800 in Poona ins Schließfach gepackt. Für den Rückflug. Mit den 1000 Mark kam ich übers Jahr. Man brauchte nicht viel Geld in Indien. Ich hatte mir auf dem Feld neben dem Ashram, wo schon lauter kleine Bambusdörfer voller Sann-yasins entstanden waren, eine Bambushütte gebaut, eine Pyramide. Erst eine kleine, dann eine große. Die habe ich dann mit einem weißen Tuch umspannt und eine Lampe aufgehängt, jetzt war sie schon von Weitem sichtbar. Dann hab ich vor dem Ashram ein Schild platziert: Grand Opening tonight! In kürzester Zeit war die Pyramide das Zentrum des Dorfes, ich verkaufte Tee und Eis und Burger, ich verdiente Geld und hatte drei Angestellte. Aber eigentlich wollte ich nachhause, nur hatte ich ja keine Wohnung mehr! Ich hatte gar nichts mehr, ich hatte alles verkauft, vom Zahnstocher bis zur Gardine. Da sagt einer: Ich habe eine Wohnung in Spandau, hier sind die Schlüssel.


Wenige Tage vor meiner Abreise traf ich eine Tibeterin, die ein paar alte Glöckchen und Zimbeln verkaufen wollte. Die klangen so schön, dass ich ihr alle abkaufte, für den letzten Hunderter aus meiner Reserve. Intuitiv. Ich konnte nicht anders. Jetzt hatte ich nur noch das Geld für die Heimfahrt. Und plötzlich kamen ständig Leute, die wollten mir die Glöckchen abkaufen. Ich habe immer abgelehnt, aber ein Typ war darunter, der ließ nicht locker.« Als er 1000 Mark bot für eine einzige Glocke, konnte Chandro nicht mehr Nein sagen.

Er war also mit 1000 Mark in der Tasche losgefahren und mit 1000 Mark wieder zurückgekommen. Bhagwan hatte recht behalten: Man braucht sich keine Sorgen zu machen. Nichts geht verloren. So wie in Poona also auch in Kreuzberg. So wie im Reich des Geistes so auch im Reich der Computer. »Obwohl das zwei ganz verschiedene Welten sind. Aber genau das war immer der Reiz für mich: Die Welt der Technik mit dem Spirituellen zu verbinden.« Die Verbindung einer Philosophie aus dem 5. Jahrhundert vor Christus mit der Technik des 21. Jahrunderts nach Christus. Chandro glaubt an den Fortschritt. Auch wenn nicht jede Entwicklung des 20. Jahrhunderts sinnvoll war. »Ich habe zum Beispiel nie den Führerschein gemacht! Ein Berliner braucht kein Auto, ich fahre seit 60 Jahren Fahrrad. Aber ich kann Leute nicht verstehen, die sagen, Computer seien Teufelswerk. Oder Handys. Das ist ein Segen für die Menschheit. Es gibt Leute, die spotten über die Flüchtlinge mit ihren I-Phones. Aber das ist das einzige, was die haben, die Verbindung zur Heimat, das legen sie auf den Tisch und sprechen einen Satz in ihrer Landessprache, und das Ding übersetzt es dem Sachbearbeiter des Asylantrags in perfektes Deutsch!«

Lächelnd sitzt Chandro, der »Mond«, zwischen den Farnen neben den Gitarren und raucht. Eigentlich sei das hier sein Wohnzimmer, sein Schlafzimmer liege im 2. Stock. Deshalb geht pünktlich um 18 Uhr am Arbeitstisch die Lampe aus. Nachtschichten gibt es nicht, auch keine Termine für den nächsten Tag oder noch fernere Zukunft. Das Leben muss im Fluss bleiben, und Termine bringen den Fluss ins Stocken. »Computer dürfen nur in seltenen Notfällen hier übernachten. Für die meisten Probleme brauche ich sowieso nicht länger als ein, zwei Stunden.« Das freut die Kunden, die immer wieder zu ihm kommen. Obwohl sie Kinder haben, die Informatiker sind. »Aber die kommen trotzdem zu mir, weil ihre Kinder nur noch Fach-Chinesisch sprechen. Das verstehen die Alten nicht.« Chandro verstehen sie.

Reich werden kann Chandro in zwei Stunden natürlich nicht, aber das will er auch gar nicht. Deshalb ist er nicht zurückgekommen aus Poona. Zwei Mal schon hatte er ein Oneway-Tickett, aber jedes Mal hat er wieder Heimweh nach Kreuzberg bekommen. Nach Satwa, dem ersten Bioladen in der Gneisenaustraße, bei dem er schon als Fünfzehnjähriger aushalf. »Und Satwa ist immer noch da, in der Reichenberger.« Jedes Mal kam Sehnsucht dazwischen, nach den Kneipen und den Lebenskünstlern und dem Rock´n´Roll und den Sannyasins von Berlin und diesen Läden, in denen noch etwas vom Charme und der Gelassenheit der Siebzigerjahre hängen geblieben ist. •


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