Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

Briefwechsel

Sie sollten so etwas nicht drucken!


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Autor unbekannt

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Evelyn Maehliss zum Gedicht »Mitmachen« in der Nr. 226



Sehr geehrte Kreuzberger-Redaktion,

bisher habe ich Eure Geschichten über die Menschen und das Leben in Kreuzberg sehr gerne gelesen, aber in der Februar-Ausgabe blieb mir die Spucke weg, als ich das »Gedicht« MITMACHEN las. So ein schwachköpfiger Mist, der wohl in der Zeit entstanden ist, als der Mann deprimiert im Bett lag. Das hat wohl auch seinen Geist verkümmern lassen. Alle Sätze beginnen mit ICH, der Mann weiß anscheinend nicht, worauf es ankommt in der Welt.

Schade, dass diesem so vielseitig Interessierten nur rassistische, terroristische und anti-islamistische Aufrufe einfielen, die wir heute allzu oft von No-Brainern aller Fahnen hören. Heutzutage wird soviel Hetze und Hass in den Medien verbreitet und soviel Schlimmes hervorgerufen, allein durch die Wiederholung von Aufrufen, falschen Beschuldigungen und Stimmungsmache gegen Gruppen, die anderer Religion, Meinung, Hautfarbe usw. sind. Wir können dem gar nicht mehr Einhalt gebieten. Vieles davon anonym und feige in die Welt posaunt. Irgend jemand wird schon reagieren. Denken Sie nur an den Aufstand im Kapitol in Washington am 6. Januar. Das Muster ist ganz ähnlich. (...)

Bei mir gingen die roten Lampen an, als ich die Stichworte »Gasmann« »Moscheen schleifen« und »Keulen schwingen« las. Das sind genau die Hetzereien, die unterschwellig zu Gewalt aufrufen. Haben Sie das bemerkt? Unterstützen Sie das? Ich glaube nicht. Irgendein Schwachkopf, der vielleicht auch am Rande der Gesellschaft steht, fühlt sich davon bestärkt in seiner Ansicht. Das ist gefährlich. Darum sollten Sie so etwas m.E. nicht drucken.

Ich finde, Sie hätten eine bessere Wahl eines Gedichtes treffen können. Deswegen habe ich jetzt gar keine Lust mehr, diese Chronik zu lesen, die solchem Geschwafel Raum gibt. - Tschüss - Evelyn Maehliss

Sehr geehrte Frau Maehliss,

ich hoffe, ich wirke nicht lehrerhaft, wenn ich sage: Ihr Urteil basiert auf einem Irrtum. Wir sind nämlich eigentlich alle einer Meinung: Sie, der Autor und ich. Das Gedicht möchte vor dem »Mitmachen« warnen, nicht dazu aufrufen. Der Wunsch, mitzumachen und dazu zu gehören zur großen Masse, ist ja oft der Anfang vom Ende. Deshalb steht in der ersten Zeile der »Gasmann«. Das Gedicht fordert auf, Stehenzubleiben und Nachzudenken, bevor man mitläuft und mitbrüllt. Bei Ihnen ist das leider nicht ganz angekommen. - Tschüss - Hans Korfmann

Sehr geehrter Herr Lehrer

Schon ok. Danke Ihnen für die Aufklärung. Vielleicht bin ich manchmal ein bisschen zu sensibel. Also: Weitermachen!

Wie immer verlosen wir unter den humorvollsten, boshaftesten und dümmsten Leserbriefen je zwei Freikarten fürs Mehringhof Theater


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