Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

Kanzlei Hilfreich

Jens Hilfreich auf dem Wochenmarkt


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von Kajo Frings

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Jens Hilfreich stand vor dem Gemüse, da sprach ihn eine maskierte Frau an: »Herr Hilfreich, sind Sie das? Man erkennt Sie ja kaum!« - »Ich bin´s. Worum geht´s?« - »Ist Ihr Büro noch auf? Ich war da, aber es hat keiner geöffnet.« - »Ich empfange nur noch nach Terminabsprache.« - »Ach so.«

»Am besten ist es, Sie schicken Ihre Fragen vorher per E-Mail«, fuhr Hilfreich fort, der ein bisschen hilfreicher wirken wollte.

»Ich war doch schon mal bei Ihnen. Sie wissen doch - die Tochter mit dem Vater wegen der Erbschaft...«

»Was glauben Sie, wieviel Töchter in meine Kanzlei kommen, die Probleme mit ihrem Vater wegen der Erbschaft haben.«

»Aber sie wissen doch, dass mein Vater von mir verlangt, dass ich unterschreibe, dass ich auf was verzichte, und dann gibt er mir was.«

»Sie meinen den Pflichtteilsverzichtsvertrag.«, sagte Hilfreich.

»Ja, das weiß ich eben nicht so genau. Und ich will nichts überstürzen. Ich habe mir gesagt, ich warte, bis die Krise vorbei ist und entscheide mich dann. - Wissen Sie, ich hab keinen Traum.«

»Was heißt das denn nun schon wieder?«

»Mein Vater hat gesagt, wenn ich unterschreibe, würde er mir einen Traum erfüllen. Aber ich habe gar keinen Traum. Ich habe schon versucht, einen Traum zu malen, vom Frühlingserwachen, aber das zu malen hab ich mich dann noch nicht getraut...«

»Wir könnten mal zu Dritt ein Gespräch führen. Oder ich rede vorab mit Ihrem Vater. Denn solange ich nicht weiß, um wieviel Geld es ungefähr geht, kann ich Ihnen auch nicht raten, zu unterzeichnen. Vielleicht bietet er Ihnen ja auch einen fairen Betrag an.«

»Muss ich dann Steuern zahlen?«

»Nur wenn’s mehr als 400 000 Euro sind.«

»Das ist viel Geld. So viel brauche ich doch gar nicht mehr. Meine meine Mutter ist nur 61 geworden, und ich bin schon 58.«

»Sie könnten Ihrem Vater auch sagen, er solle Ihnen mal einen vernünftigen Betrag zur Verfügung stellen, und dann schauen Sie sich die Welt an und überlegen nebenbei, was Ihr Traum sein könnte.«

»Ach nein, ich bin doch schon so viel gereist...«

Da meldete sich der Markthändler zu Wort: »Der Nächste bitte!«

Die Frau kicherte: »Jetzt hab ich doch glatt vergessen, was ich einkaufen wollte. Ich melde mich dann bei Ihnen, Herr Hilfreich...«

»Aber sagen Sie am Telefon, sie wären die Tochter von dem Vater wegen dem Erbe. Dann bekommen sie sofort einen Termin. Vergessen Sie aber nicht, den Vertragsentwurf mitzubringen.«

Da ertönte hinter Hilfreich eine ungeduldige Stimme: »Stehen Sie jetzt eigentlich hier an oder reden Sie nur?!«

Der Anwalt seufzte: »Ich mache gerade Multitasking.« •


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