Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

Hausverbot

Hausverbot in Abwesenheit


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von Hans W. Korfmann

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Es ist ruhiger geworden in Kreuzberg. Das sagt auch der Wirt vom Yorckschlösschen. Seit fast vierzig Jahren ist er jetzt der Schlossherr, und er hat ganz andere Zeiten erlebt als diese. Olaf Dähmlow sitzt am Ende eines langen Tisches in dem leeren Gastraum des geschlossenen Lokals und raucht einen Zigarillo. »In letzter Zeit habe ich nur noch sehr selten eingreifen müssen!«

Einer der letzten, der den Gästen und dem Hausherren auf die Nerven ging und Hausverbot erhielt, war ein Trinker, der jeden Sonntagmorgen pünktlich um neun mit dem Taxi zum Frühschoppen vorgefahren kam. »Ein unangenehmer Typ, jedes Mal sturzbetrunken. Der kam direkt von der Dicken Wirtin, wo er die Nacht durchgemacht hatte, und wollte hier weitertrinken, während wir schon Frühstück servierten. Es gab jedes Mal Ärger mit dem.

Einmal kam er rein, ging ohne zu grüßen an mir vorbei zum Tresen und sagte: Ein Bier. Holger, der Zapfer, schüttelte nur den Kopf und sagte: Du weißt doch, Du kriegst kein Bier mehr hier. Aber der wollte ein Bier, und zwar sofort....

Das ging so eine ganze Weile hin und her, Holger wurde immer lauter, aber irgendwann gab der Trinker auf. Ich war gerade im Hof am Fegen, da rempelt der mich beim Hinausgehen so von der Seite an. Ich wollte nicht zuschlagen, ich bin ein friedvoller Mensch, und der war ja auch viel zu groß für mich. Das war nur so ein Reflex gewesen, jedenfalls lag er plötzlich auf dem Boden mit einer blutigen Nase, und als er sich wieder hochrappelte und zum Gartentor taumelte, murmelte er: Ich weiß gar nicht, warum ich hier eigentlich immer wieder herkomme

Das war eines der letzten Hausverbote, die in der Yorckstraße ausgesprochen wurden. Abgesehen von den eher harmlosen digitalen Hausverboten. Der Wirt lässt es sich nämlich nicht nehmen, Leuten, die er nicht leiden kann, via Facebook die rote Karte zu zeigen. Ebenso wie er in Abwesenheit solche, die sich um den Jazz verdient gemacht haben, zu Ehrengästen erklärt, wie zum Beispiel Wim Wenders. So erwischte es kürzlich nach Putin auch Lukaschenko. Der Wirt verkündete ganz offiziell, dass er Herrn Lukaschenko wegen seines Umgangs mit den Oppositionellen im Lande Hausverbot auf Lebenszeit erteile. »Und sollte er es wagen, mein Haus zu betreten, dann werde ich ihn eigenhändig wieder hinausbefördern.«

Daraufhin meldete sich die Zensur beim Yorckschlösschenwirt und schrieb, man habe durchaus Verständnis für seine Position, doch handele es sich um eine Androhung von Gewaltanwendung. Und strich den Eintrag bei Facebook. Weshalb es jederzeit passieren kann, dass demnächst doch noch einmal ein bulliger Mann mit blutiger Nase im Hof des Schlösschens liegen und sich fragen könnte: Warum komme ich eigentlich hierher?


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