Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

Geschäfte

Die Papierwelt


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von Ina Winkler

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Bäume vertrocknen, Wälder werden gerodet. Auch das Papier wird weniger. In den Regalen von Ämtern und Büros stehen keine Aktenordner mehr, sondern Computer. Unsere Ausweise sind nicht mehr aus Papier, sondern aus Plastik, und unsere Schüler schreiben nicht mehr mit Füllfederhaltern auf Papier, sie schreiben mit zehn Fingern auf Tastaturen. Der Tag rückt näher, an dem die Handschrift eine seltene Kunstfertigkeit sein wird.

In der Körtestraße hat der Fortschritt noch einmal innegehalten. Da ist noch die Wilde Buchhandlung mit ihren bis unter die Decke reichenden Papierstapeln. Da ist das Spielbrett, ein Laden, der mit den Nachfolgern von Mensch-Ärgere-Dich-Nicht der elektronischen Unterhaltungsindustrie seit über 20 Jahren erfolgreich Paroli bietet. Und da ist die Papierwelt, ein liebevoll geführter Laden, in dem jedem Betrachter des Schaufensters klar werden muss, dass Papier mehr ist als ein paar billige Rollen im Supermarkt für das Notdürftigste.

Am Papier, das vermittelt schon der erste Blick in die Auslage, haftet auch heute noch der Duft der großen weiten Welt. Papier, sorgfältig an stillen Abenden beschrieben, akkurat zusammengefaltet, in ein Kuvert gesteckt, adressiert und frankiert, überquerte einst die weitesten Ozeane und verband die entferntesten Kontinente. Mit der Bahn, mit dem Schiff und Par Avion brachten Tinte und Papier Menschen auf der ganzen Welt zueinander. Wahrscheinlich deshalb zieren neben den stilvollen Füllfederhaltern mit den Goldfedern und den 36 Bunt- und 12 Graphitstiften in der hübschen Holzschatulle auch Globen und Landkarten das Schaufenster.

Immer wieder bleiben Passanten stehen und sehen nach, was die Welt der Papiere Neues zu bieten hat. Sogar die, die hier wohnen und täglich vorübergehen. Wenn Guido Kensbock eines Tages doch einmal die kleine Holzfigur aus dem Schaufenster nimmt, weil sich noch nie jemand für sie interessiert hat, dann stehen sie am nächsten Tag im Laden und sagen: »Sie hatten doch kürzlich so eine kleine Figur im Schaufenster. Die hätte ich gerne.«

Das Schaufenster in der Körtestraße gehört zum Leben der Nachbarn dazu, so wie einst die Schnapsgläser aus dem Harz in der Glasvitrine des elterlichen Wohnzimmerschranks. Immer wieder betreten Passanten den Laden, nur weil sie etwas Hübsches im Fenster gesehen haben, - nicht, weil sie dringend einen Quittungsblock bräuchten oder einen Aktenordner. Dieses Fenster hat Charme, es lockt, es macht neugierig, auch wenn da immer noch die alte Briefwaage steht, auch wenn da seit zwanzig Jahren immer nur Stifte, Stempel, die bunten Notizhefte und die vielen kleinen Schreibtisch-accessoires liegen.

Andere freilich kommen gezielt. Schüler zum Beispiel, »die Stifte lösen sich ja immer irgendwie in Luft auf!« Sie kommen, um einen Gelschreiber zu kaufen und stehen dann stundenlang vor den Radiergummis: dem klassischen braun-blauen Pelikan-Radierer für Tinte und Bleistift, den Radier-Erdnüssen und -Walnüssen, den kreisrunden gelben »Radies« mit dem freundlichen Smily oder dem mit dem Pferdekopf. Formen und Farben der Radierer sind im 21. Jahrhundert keine Grenzen gesetzt. Auch das Sortiment an Bleistiftspitzern ist vielfältig und reicht vom edlen Messingdesign mit auswechselbaren Klingen bis zum billigen Doppelspitzer mit kombiniertem Abfalleimer. Langweilig ist nur die Büroabteilung mit den schwarzen Aktenordnern, blauen Quittungsblöcken und braunen Versandtaschen.

Das wichtigste aber in der Papierwelt ist das Papier. Ganz hinten, in der letzten Ecke, stapeln sich die getönten Blätter. Hier lagern die kunstvollen Bögen des Geschenkpapiers, daneben die hübschen Pappkartons, die Schleifen und die Zierbänder. Hier hinten spätestens wird klar, dass Papier und Schönheit, Papier und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind. Das beweist der Aquarellkasten in der silbernen Blechdose im Schaufenster ebenso wie der Tuschkasten von Pelikan im Regal. Auch wenn die Entzifferung der ersten Schriftzeichen auf Papyrus ernüchternd war und von buchhalterischem Kleingeist zeugte, die geheimen Protagonisten in der Welt der Papiere sind noch immer Maler und Dichter mit ihren Bildern und Geschichten.

Die Geschichte der Papierwelt beginnt 1960 am Schlesischen Tor mit einem Zeitungskiosk. Wenig später ziehen die Kensbocks mit ihren Zeitungen in ein leeres Fischgeschäft und von dort in die Oppelner Straße, wo sie einen Laden für Papier & Spiele eröffnen, den es noch heute gibt. Doch in den Neunzigern schien die schreibende Nachbarschaft aus der Gegend abzuwandern, ein zweites Standbein schien nötig, und das setzte die Familie in eine ehemalige Apotheke in der Körtestraße, wo ihr Sohn die Papierwelt am Südstern eröffnete.

Zeitschriften gibt es in der Körtestraße keine mehr, doch sonst fehlt kaum etwas aus der schönen Welt des Papiers. Natürlich gibt es Postkarten, Briefpapier und Briefumschläge für die klassische Korrespondenz mittels Papierbriefen anstelle der Emails, sogar ein Faxgerät steht bereit, um wichtige Papiere zu übermitteln. Und für all jene, die ihren Freundinnen und Freunden tatsächlich noch immer handschriftliche Briefe schreiben, hat Guido Kensbock noch etwas ganz Besonderes in der Schublade: Einige ziemlich kleine, bunt bedruckte Papierchen, die für das Briefeschreiben ganz unentbehrlich sind, und für die man an anderen Orten in der Stadt oft lange anstehen und warten muss: Briefmarken. •

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