Kreuzberger Chronik
Februar 2021 - Ausgabe 226

Hausverbot

Spurensucher


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von Horst Unsold

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Vierzig Jahre war das her. Biggi war nach Berlin gezogen, »aber ich stand immer noch auf sie. Also bin ich nach Berlin. Und dann steh ich in diesem kalten, nach Kohle stinkenden Treppenhaus mit dem Linoleumbelag und klopfe und klopfe. So lange, bis sich ein Stockwerk unter mir die Tür öffnet und jemand ruft: Hey, was ist denn los da oben? Irgendwann muss man ja auch mal schlafen, oder? Dabei war es zwei Uhr mittags! - Aber so war das damals in Berlin!«

»Und? Hast du sie gefunden?«

»Ja, sie hatte geschrieben, dass sie abends immer in dieser Kneipe um die Ecke sei. Stulpe oder Knulpe oder so. In der Yorckstraße. Die hatte ich mir gemerkt, klang wie New York. Also ging ich spazieren, war ja Sommer, überall Leute mit langen Haaren und gestreiften Hosen und Joints in den Parks. Abends bin ich noch mal hin zu ihr, wieder geklopft, wieder nichts. Und dann hab ich die Kneipe gesucht.«

Die beiden Niedermodauer liefen die Yorckstraße entlang Richtung Kreuzberg, zwei längst alte Männer auf der Suche nach der Vergangenheit. Plötzlich blieben sie stehen: »Ich glaub, hier war das!« Fassungslos starrten sie in einen hypermodernen Herren-Frisiersalon mit hell erleuchtetem Spiegelsaal und rotem Teppich.

»Und? Hast du Biggi gefunden?«

»Das kann man sich jetzt schwer vorstellen, wenn man diesen Laden sieht, aber damals war das ne schummrige Kneipe, die Tür stand offen, und ich hörte nur Wixer, Arschloch, Schwein, Drecksau und Verpiss dich endlich, Alter. Ich dachte mir, ich bleib mal draußen, bis die das geregelt haben, und steck mir ne Kippe an, da kommen die beiden aus dem Laden geflogen. Wie im Western! Hinterher der Barkeeper, bleibt breitbeinig in der Tür stehen, zündet sich ne Kippe an und schaut zu, wie es sich der eine auf dem Brustkorb des anderen gemütlich macht und ihm die Fresse poliert. In aller Seelenruhe. Nach und nach kommen auch die anderen Gäste und bilden einen Ring um die beiden. Und feuern die lautstark an, immer abwechselnd, mal den einen, mal den anderen. - Also, ich war begeistert von Berlin, ehrlich!«

»Und Biggi?«

«Die kam irgendwann auch raus und begann, hysterisch zu kreischen, die würden sich ja noch umbringen, es solle doch endlich einer was tun. Aber die standen da alle mit den Händen in den Hosentaschen. Irgendwann war der Kampf beendet, der Barkeeper sagte, die beiden hätten von nun an Hausverbot, und Biggi beugte sich über den Verlierer, der wimmernd am Boden lag, und murmelte immer nur Oskar, Oskar, Oskar ..., und gab ihm Küsschen auf die Backe.«

»Und dann?«

»Wie, und dann? Ich bin nachhause gefahren. •


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