Kreuzberger Chronik
Februar 2021 - Ausgabe 226

Geschäfte

Ludwig Wilde Buchhandlung


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von Ina Winkler

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Der Buchhändler hat ein friedliches, zu seiner Nickelbrille passendes Gesicht. Er lacht viel und redet viel, die Gedanken purzeln ihm in erstaunlicher Geschwindigkeit über die Zunge. Er redet also sozusagen wie ein Buch, steht vor seinem kleinen Laden auf dem alten, von den Schritten unzähliger Passanten glattpolierten Granitpflaster und erzählt. Er steht oft dort draußen und erzählt, weil es drinnen zu eng geworden ist zwischen den vielen Büchern, die sich in den Regalen der ehemaligen Tabakhandlung, sogar auf dem Boden, eigentlich auf jeder Waagerechten in den zwei kleinen Räumen bis unter die hohe Decke stapeln. Er schaut ins Schaufenster mit den Büchern von Susan Sontag oder Sophie Scholz und unterhält sich angeregt mit seinen Kunden. Die meisten von ihnen sind weiblich.

»Die weibliche Stammkundschaft ist wichtig.« Wenn sich hier in diesen kleinen Nachbarschaftskränzchen plötzlich ein Buch herumspricht, dann ist das besser als ein Platz auf der Spiegel-Bestseller- liste. »Kürzlich«, erzählt der Buchhändler und kichert ein bisschen, »war eine Frau da und wollte die neue Biographie von Simone de Beauvoir. Ein paar Tage später stand sie wieder im Laden und kaufte noch eine. Und so ging das immer weiter, ich glaube, sie hat das Buch fünf Mal gekauft und an Freundinnen verschenkt.« Simone de Beauvoir war schon so etwas wie ein Bestseller in der Körtestraße.

Frauen sind deutlich in der Überzahl bei der lesenden Kundschaft. Aber wenn der Buchhändler nun sagen müsste, warum dem so ist, dann verfällt er »bestimmt wieder in solche Klischees - von wegen sensibler, mehr Zeit oder so. Da sage ich lieber gar nichts!« In diesem Moment kommt Sarah Schmidt, Suhrkamp-Autorin und eine der feministischsten Stimmen der Stadt, vorbei und grüßt freundlich. Zwei Minuten später holt sich Beate Wedekind, die langjährige Chefredakteurin der Bunten, die gerade an ihrer Autobiographie schreibt, die bestellten Bücher beim »Buchhändler ihres Herzens« ab. Wenn der Buchhändler draußen vor dem Laden zwischen den Bücherkisten auf den Bänken seinen Kaffee trinkt, weil es drinnen gar keinen Platz gäbe, um die Tasse abzustellen - es sei denn auf den Büchern, und das kommt gar nicht in Betracht -, dann grüßt er jeden zweiten Passanten. Jeden dritten kennt er namentlich. Weil seine Kundschaft nicht nur einmal im Jahr und zu Weihnachten kommt, sondern ständig.

»Das macht diesmal 21,40«, sagt er, als verkaufe er Wurst oder Käse. Wie die Lebensmittelhändler hat auch er täglich geöffnet, sogar in Corona-Zeiten. Das verkündet ein Zettel im Schaufenster mit einem Zitat des Kultursenators, das eigentlich noch von Helmut Schmidt stammt: »Die geistigen Tankstellen« bleiben geöffnet! Das war natürlich ein Glück für die Buchhandlungen, »wir sind sozusagen Kriegsgewinner, wenn auch nur zufällig.«


Man kann sich den Mann mit dem freundlichen Gesicht und der freundlichen Statur, der übrigens nicht Wilde, sondern Harald Kirchner heißt, gar nicht anders vorstellen als unter einer Leselampe in einem alten Sessel. Er ist ein Buchhändler, wie er im Buche steht. Dabei kommt er gar nicht so oft zum Lesen, wie er möchte. »Manchmal denke ich, ich bin Buchhalter, nicht Buchhändler!«. Dann sitzt er die halbe Nacht über Zahlenkolonnen anstatt über Buchstabenzeilen. Die Klassiker hat er immer noch nicht alle gelesen, beim Ulysses ist er schon auf Seite 43 stecken geblieben.

Damit er dennoch auch die vielen jungen Mütter des Viertels beraten kann, hat er seiner Mutter den Auftrag erteilt, Kinderbücher zu lesen und für ihn zu rezensieren. Sie hat Erfahrung im Umgang mit Büchern, sie stand schon im Laden, als der kleine Harald gerade über die Theke gucken konnte. Das war noch in dem Laden vom alten Wilde, der seit 1909 an der Ecke zur Fichtestraße Bücher verkaufte. 64 Jahre später verkaufte Wilde seine Bücher an Herrn Kirchner, Haralds Vater. Von da an war der Duft von bedrucktem Papier aus Haralds Leben nicht mehr wegzudenken.

Die Lehre machte Harald bei Frohberg, der Buchhandlung für medizinische Bücher. Von Paulerberg lernte er, dass das Schaufenster einer Buchhandlung »so etwa ein Buch enthalten dürfe«, doch Kirchners Lieblings-Schaufenster war das der Heinrich Heine Buchhandlung am Zoo. Mehr als einmal verpasste er den Bus, weil er die vielen Titel im Schaufenster noch nicht durch hatte. In der Körtestraße stehen die Bücher aber auch deshalb so dicht beieinander, weil das Schaufenster kleiner ist als das der Fichtestraße, aus der sie 1995 ausziehen mussten. Der Besitzer wollte »die Kaschemme da raus« haben. »Das Wort Gentrifizierung war noch unbekannt«, dennoch berichteten die Zeitungen, das Fernsehen, die Abendschau. Ohne Erfolg. Also zog der Buchhändler um die Ecke in den Zigarrenladen in der Körtestraße.

Und da sieht es auch ein Vierteljahrhundert später noch so aus, als hätte man die Kartons gerade erst ausgepackt. Bücher auf dem Tresen, in den Ecken, Bücher überall. Als hätte man vor lauter Lesen keine Zeit zum Aufräumen. Es sieht aus wie bei Karl Konrad Koriander, dem Buchhändler aus dem ersten Kapitel von Michael Endes Unendlicher Geschichte. Doch der Eindruck täuscht, »auch wenn das jetzt ein bisschen desillusionierend sein könnte. - Die Leute glauben ja immer, wir wüssten nicht, wie man einen Computer einschaltet. Aber das hat hier alles System. Wir haben Monate lang den Rechner gefüttert.« Und der weiß jetzt ganz genau, wo jedes Buch steht. •

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