Kreuzberger Chronik
Dez. 2021/ 2022 - Ausgabe 235

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Das Gelbbuch


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von Herbert Witzel

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Über die Besetzung eines Telefonhäuschens. - Aus Herbert F. Witzels Gelbbuch

Ich lustwandle ein wenig am Gröbenufer auf und nieder, wo mehrere Angler unverdrossen ihre Köder auswerfen und hoffen und harren. Ein kleiner Junge brockt Toastbrot ins gründunkle Wasser. Auf einer Bank sitzt ein schmalhüftiges Mädchen, dessen bruyérebraunes Haar im Sonnenlicht leicht schimmert. Ihre übersichtlich gegliederten Finger halten eine Zeitschrift. Es ist die Bravo. Mich friert. Was Frauen betrifft, war mein mangelhaftes Dasein reich an Ernüchterungen. Jeder Tändelversuch, den ich unternahm, barg den Keim des Verzichts. Ich habe mich überfordert gefühlt, dachte, mit mir Hänfling wird kein Staat zu machen sein. Kurz: Ich bin arg schüchtern, und ich weiß auch, woran das liegt. Nämlich zuerst an einem Werdegang, der mir den Alkoholverzehr näherlegte als den Umgang mit Frauen, und zum anderen, daß mir zeitlebens die Notwendigkeit meines Seins nicht recht einleuchtete, will sagen: Ich kam mir dauernd überflüssig vor.

Unter solchen Umständen gibt man notgedrungen eine unglückliche Figur ab, wenn man einer Frau gegenübertritt, die selbstsicher den Platz ausfüllt, welchem sie sich zugewiesen fühlt, und keinen Zweifel hegt bezüglich der Reichweite ihrer Persönlichkeit.

Indem ich hier zurückschaue wie Orpheus, schwindet Eurydike dahin, klemmt die Bravo unter den Arm und geht vermutlich nach Hause, Bonanza gucken. Also heimwegele ich auch.

Konnte ich eben noch müßige Minuten damit verbringen, daß ich mich in mehr oder weniger erbauliche Betrachtungen versenkte, da rempelt mich nun unverhofft die Wirklichkeit an, denn wen sehe ich da vor meiner Telefonzelle auf einer gelbgewürfelten Reisetasche sitzen? Die Briefträgerin!

In hastigen Sätzen erzählt sie, daß ihr ohnehin grobschlächtiger Mann seit meinem verunglückten Besuch noch schwerer erträglich sei; daß er sie des Ehebruchs mit mir bezichtige; daß er fortwährend betrunken sei; daß er allen Stühlen die Beine abgebrochen und ihr gedroht habe, dieselben samt und sonders auf ihrem schmächtigen Rückgrat kleinzuholzen; daß sie es daheim aus den erwähnten Gründen nicht mehr aushalte und deshalb flüchtig sei.

Etwas hilflos bat ich sei, einzutreten und auf meinem Klappstuhl Platz zu nehmen. Hilflos deshalb, weil ich feststellte, dass ich im Grunde auf Besuch nicht eingestellt war. Ich konnte ihr nicht einmal Knabberkram anbieten, geschweige denn Getränke. Also rollte ich ihr als Gabe der Gastfreundschaft eine Zigarette, die sie dankend annahm. Da kauerte sie nun, sog den Rauch ein, preßte ihn seufzend wieder aus ihren Lungenflügeln und blickte an mir vorbei, hinaus auf die andere Straßenseite (...) •

Herbert F. Witzel, Das Gelbbuch,

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