Kreuzberger Chronik
Dez. 2021/ 2022 - Ausgabe 235

Mühlenhaupts Erinnerungen

Goethe und was mir dazu einfällt


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von Kurt Mühlenhaupt

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Liebe Müllerin,

Wenn es um Goethe geht, denke ich vor allem an Schiller. Er war mir ein Leben lang ein wenig näher. Goethe blieb mir in vielen Dingen unverständlich. Dabei habe ich mir so viel Mühe gegeben, ihn zu begreifen. Ich muß so um die sechzehn Jahre alt gewesen sein, da schwänzte ich die Berufsschule und das Schicksal führte mich das erste Mal in meinem Leben in ein Auktionshaus. Alles, was ich hier sah und was passierte, war sehr aufregend, und am Ende war ich mit meinen drei Mark, die ich in der Tasche hatte, Besitzer einer in zehn Bänden gefaßten Lederausgabe von Goethe. Zu Hause stellte ich allerdings fest, daß sie nicht mehr ganz vollständig war, was mich nicht hätte stören dürfen, denn es war doch sehr fragwürdig, ob ich alles, was drin stand, jemals lesen würde. Da ein Band fehlte, stimmte die NUMMERIERUNG nicht. Darum übermalte ich die Buchrücken und ordnete sie neu. Auf diese Weise hätte ich dem alten Goethe ein paar Jahre Arbeit erspart, wenigstens, wenn er nur für mich geschrieben hätte. Je länger ich darin rumstöberte, desto klarer wurde mir, daß ich auch mit einer unvollständigen Ausgabe mehr als genug zu lesen hatte. Ja, ein einziger Band wie »Werthers Leiden« hätte gereicht, um mein ganzes literarisches Leben auszufüllen.

Zwischen meinem fünfundzwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr zog ich um und ließ den ganzen Goethe einfach stehen. Das war vielleicht gar nicht so dumm, denn es reicht einem ja schon, was man von Goethe hört. Ich profitiere auch von ihm, ohne daß ich ihn lese. Sein Ruhm hat viele Goethe-Institute ins Leben gerufen. Von einigen wurde ich eingeladen und zeigte dort meine Bilder, wie in Casablanca, Rio oder Harstadt in Norwegen. Nun, wo er schon 150 Jahre tot ist, liegt wieder ein »Goethe« auf meinem Nachttisch und ich lese den »Reineke Fuchs«.

Es grüßt Sie Kurtchen Mühlenhaupt!

Entnommen aus Kurt Mühlenhaupt, Rund um den Chamissoplatz, 1969 - 1975


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